Der besondere Fall: Depression und /oder Hyperaktivität


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Herr X (46 Jahre) war wegen einer Depression krankgeschrieben. Auch die Entlastung vom Stress als Außendienstmitarbeiter einer Bausparkasse und die ärztlich verordneten Medikamente brachten ihm keine Besserung, sodass er meine Heilpraktiker-Praxis in Begleitung seiner Ehefrau aufsuchte.


Er schilderte seine Symptome: Weiche Knie, Knoten im Bauch, er fühlte sich wie gelähmt und spürte gleichzeitig eine innere Unruhe, fühlte sich wie getrieben. Alles in seiner Umgebung gehe ihm zu schnell, er könne den Alltag kaum noch bewältigen.

Bei der Anamneseerhebung beobachtete ich zwanghafte Mundbewegungen, verbunden mit einem Vorschieben der Zunge aus dem geöffneten Mund. Ich fragte die Frau, ob ihr an ihrem Mann etwas aufgefallen sei. Sie verneinte. Erst als ich beschrieb, was ich wahrgenommen hatte, sagte sie: "Ja, jetzt sehe ich das auch."

Dieses Phänomen des Blinden Flecks in Bezug auf Angehörige zeigt sich oft und bestätigt wieder, wie wichtig die genaue Beobachtung in der nonverbalen Kommunikation ist.

Ich fragte Herrn X noch einmal, ob er zusätzlich zu den genannten Medikamenten gegen die Depression noch weitere einnehme, denn die zwanghaften Mundbewegungen deuteten auf eine extrapyramidale Störung oder auf unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten hin. Er wurde sehr verlegen und räumte dann ein, dass er wegen Hyperaktivität bei einem Psychiater in Behandlung sei und Strattera einnehme.


Nebenwirkungen von Strattera® (Wirkstoff Atomoxetin): Aufgelistet sind die wichtigsten bekannten Nebenwirkungen. Sie können auftreten, müssen aber nicht, da jeder Mensch unterschiedlich auf Medikamente anspricht.

• Appetitlosigkeit • Gewichtsabnahme • Magen-Darm-Beschwerden • Verstopfung • Übelkeit, Erbrechen • Schwindel • Hautausschläge • Müdigkeit • Stimmungsschwankungen • Reizbarkeit • grippeartige Beschwerden • Pupillenerweiterung • Herzklopfen (gelegentlich) • Erhöhung des Pulsschlages (gelegentlich)

Wechselwirkungen: Atomoxetin darf nicht gleichzeitig mit Antidepressiva aus der Gruppe der MAO-Hemmer eingenommen werden. Auch andere Antidepressiva, die auf den Noradrenalin- Haushalt einwirken, sollten gleichzeitig nur mit Vorsicht eingesetzt werden.

Atomoxetin wird über das Enzym Cytochrom P450 2D6 (CYP2D6) in der Leber abgebaut. Arzneistoffe, wie die Psychopharmaka Fluoxetin oder Paroxetin, hemmen dieses Enzym. Dadurch kann sich die Wirkung von Atomoxetin verlängern und verstärken. Atomoxetin und CYP2D6- Hemmer sollten daher nur mit Vorsicht gemeinsam gegeben werden.

Beta-2-Sympathomimetika zur Bronchienerweiterung bei Atemwegserkrankungen können in hohen Dosierungen auch die Blutgefäße erweitern und damit u. a. den Blutdruck erniedrigen. Die Nebenwirkungen von Atomoxetin auf das Herz-Kreislauf-System können somit verstärkt werden.


Ich empfahl ihm, mit seinem Psychiater Kontakt aufzunehmen und eventuell das Medikament zu wechseln.

Nun hatte ich einen zusätzlichen wichtigen Hinweis: Hyperaktivität und Nebenwirkungen eines Medikaments.

In meiner langjährigen kinesiologischen Arbeit habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Einschränkungen der basalen Sinnesfunktionen und persistierende Restreflexe die häufigsten Ursachen für Hyperaktivität sind. Durch die Überforderung der täglichen Einflüsse, auf die nur eingeschränkt reagiert werden kann, entsteht Stress, durch den die Restfunktionen weiter eingeschränkt werden. So steigert sich der Stress weiter, der Hirnstoffwechsel verändert sich und das Bild der Hyperaktivität manifestiert sich.

Bevor sich Herr X auf die Behandlungsliege legte, entfernte er sein Hörgerät mit den Worten: "In letzter Zeit höre ich immer schlechter, das macht mich ganz traurig."

Nun begann ich mit der kinesiologischen Arbeit. Basierend auf der Arbeit von F. P. Kendall und E. Kendall McCreary, die in ihrem Standardwerk "Muskeln, Funktionen und Test" alle Muskeln des menschlichen Körpers klar darstellen, ist es möglich, mit einem Indikatormuskel stellvertretend für den ganzen Menschen Reize, die Stress auslösen, zu testen.

Jeder Muskel kann als Indikatormuskel eingesetzt werden. Reize von außen, wie Berührungen, Substanzen (Nahrungsmittel, Medikamente), visuelle und auditive Eindrücke, aber auch Reize von innen, wie Gedanken und Bewegungen, können Stress erzeugen, der den Energiekreislauf unterbricht und sofort eine Veränderung des Muskeltonus erzeugt.

In der Regel lässt der Muskeltonus bei Stress nach, der Indikatormuskel wird schwach und hält dem Testdruck des Testers nicht mehr stand. In der Terminologie der Kinesiologie heißt das, der Indikatormuskel schaltet ab.

In den verschiedenen Methoden der Kinesiologie (Gesund durch Berühren, Brain Gym, 3-in-1-Konzept u. a.) wird in den entsprechenden Vortests als Erstes die Funktionsfähigkeit des Indikatormuskels getestet und die Erlaubnis zur Zusammenarbeit über den Muskeltest eingeholt.

Herr X hatte alles verstanden und das Anund Abschalten des Indikatormuskels wahrgenommen. Als Erstes testete ich die Nahrungsmittel aus. Milch und Weizen wurden als unverträglich getestet. Unverträgliche Nahrungsmittel können Angst- und Panikattacken auslösen, motorische Unruhe verursachen, Notfallsituationen induzieren usw. – all dies ist durch Praxisfälle belegt. In der Literatur wird der Fall eines autistischen Jungen beschrieben, der sich durch konsequente Ernährungsumstellung im Laufe von zwei Jahren zu einem gesunden Kind entwickelte.

Danach testete ich die Sinnesorgane. Die Koordination der Augenmuskulatur ist sehr stressanfällig. Die verschiedenen Augenpositionen und Augenfolgebewegungen wie Lesen, Nähe und Ferne ergaben eine Schwächung des Indikatormuskels, was bedeutet, dass diese Augenstellungen Herrn X Stress bereiteten.

Als nächstes Sinnesorgan testete ich die Ohren. Das Hörgerät ließ natürlich auf ein Defizit schließen. Die verschiedenen Positionen des Kopfes und das Hinhören bei einem Geräusch führten ebenfalls zu einem umfassenden Abschalten des Indikatormuskels. Das war ein weiterer Hinweis, dass das Hören – wie auch das Sehen – stressbeladen waren.

Die vorderen, seitlichen und hinteren Schrittkombinationen, die bei den verschiedenen Bewegungsabläufen automatisch erfolgen, schalteten den Indikatormuskel ebenfalls ab. Das bedeutete, dass all diese Bewegungen bewusst koordiniert wurden, wodurch die Konzentrationsfähigkeit gebunden wurde und deshalb für andere Anforderungen fehlte. Auch die Überkreuzbewegung mit Armen und Beinen nach vorne und hinten wurde von Herrn X unsicher ausgeführt, und auch hier schaltete der Indikatormuskel ab.

Herr X wurde ganz mutlos, da all diese Grundfunktionen nicht intakt waren. Ich machte ihm Hoffnung auf eine positive Veränderung, wenn er konsequent die Ernährung umstellte. Dadurch ergibt sich in der Regel eine Entlastung des Organismus, der Stoffwechsel verändert sich und ein Energiezuwachs stellt sich ein.

Ich testete folgende kinesiologische Übungen aus:

Mit den Händen wird eine liegende Acht vor der Körpermitte in die Luft gezeichnet. Die Augen folgen den Händen – aber der Kopf bleibt auf der Mittellinie nach vorne ausgerichtet. Die Hände werden in die Ferne ausgestreckt und zurückgeführt bis zur Nasenspitze. Die Überkreuzbewegung wird nach vorne und nach hinten ausgeführt.

Das tägliche Fitnessprogramm sollte die Sinnesfunktionen integrieren und die alltäglichen Bewegungsabläufe erleichtern.

Nach 5 Wochen stellte sich Herr X wieder vor. Nach dem ersten Besuch in meiner Praxis hatte er zu Hause den Beipackzettel von Strattera gelesen und das Medikament ohne Rücksprache mit seinem Psychiater entsorgt. Er arbeitete inzwischen wieder mit Freude und machte gute Vertragsabschlüsse. Sein Hörgerät brauchte er nicht mehr. Eine Nachtestung von Augen, Ohren und der Schrittkombinationen zeigte, dass alle Funktionsabläufe integriert waren. Die Nahrungsumstellung sollte noch eine Weile beibehalten werden.

In einer weiteren Sitzung lösten wir das beschränkende Glaubensmuster "Du könntest, wenn du nur wolltest!" auf. Diese Worte hatte sein Vater viele Male gesagt, und Herr X hatte sie verinnerlicht.

Durch dieses kinesiologische Screening- Programm konnte bei Herrn X sowohl die Depression als auch die Hyperaktivität positiv behandelt werden. Bei sehr vielen Kindern ist diese Vorgehensweise ebenfalls erfolgreich.

Diese Defizite der Sinnesfunktionen und Bewegungsabläufe kann auch zu Versagensängsten und vegetativen Störungen wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Bauchkrämpfen usw. führen. Mit dieser schnellen Vorgehensweise werden oft die Ursachen von langen Leidenswegen gefunden und relativ schnell eine positive Wendung eingeleitet.


Literatur:
Mary Callahan: Tony. Diagnose: Autismus Oesch Verlag AG (1993), ISBN-10: 3858334308 ISBN-13: 978-3858334305
Florence Peterson Kendall, Elizabeth K. Kendall McCreary: Muskeln: Funktionen und Tests Urban & Fischer Verlag (2008) ISBN-10: 3437456822 ISBN-13: 978-3437456824
Doris Rapp: Ist das Ihr Kind? Versteckte Allergien aufdecken und behandeln. Ein Selbsthilfebuch, Verlag: Pro Medico (1996) ISBN-10: 3980395715 ISBN-13: 978-3980395717
Ingeborg L. Weber (Hg.): Hyperaktivität, Wahrnehmungs- und Lernstörungen. Ein multifaktorelles Phänomen?
Reihe Internationales Kinesiologie Forum, Internationale Kinesiologie Akademie Verlag, ISBN-13: 978-3-9808690-0-8


weber-2 Ingeborg L. Weber MSc
Diakonie-Krankenschwester, Dozentin für Krankenpflege, leitende Lehr-MTA.
Seit 1993 als Heilpraktikerin in eigener Praxis tätig. Gründung und Leitung der Internationalen Kinesiologie Akademie in Frankfurt. Gründung und 1. Vorsitzende Europäischer Verband für Kinesiologie e.V., Präsidiumsmitglied im Deutschen Naturheilbund e.V. (DNB e.V.) für das Referat Gesundheitspolitik, Mitglied im Beirat der Association of Natural Medicine in Europe (ANME e.V.), Mitglied im Beirat der Freien Gesundheitsberufe, Dachverband für freie beratende und Gesundheit fördernde Berufe e.V. Europäische Masterstudiengänge Health Science und Integrated Child Development am Interuniversitären Kolleg für Gesundheit und Entwicklung Graz, Österreich, seit 2007 Teilnahme am Aufbaustudiengang "Gerontologie" an der Universität Heidelberg.