Supervision oder der Weg zum Überblick

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Schaue ich mir die Definitionen des Begriffs "Supervision" im Internet an, beschleicht mich oft das Gefühl, einer höchst komplizierten Angelegenheit gegenüberzustehen – zumal der Einsatz von Fremdwörtern dies noch unterstreichen soll.
Nun setze ich kompliziert ausgedrückten Sachverhalten gern meinen gesunden Menschenverstand entgegen und breche sie auf das Einfache herunter.
Also:

• Supervision ist ein Gespräch zwischen zwei oder mehreren Menschen, das Klarheit in eine bestimmte Situation bringen soll. Die Gesprächspartner sind

a) eine neutrale Person als Supervisor, der es (hoffentlich) gelingt, die Situation zu "überblicken" und

b) eine oder mehrere in die Situation verwickelte Person(en) als Supervisand(en), die durch den Austausch Überblick bekommen will bzw. wollen.

Nach erfolgreicher Supervision kann auch eine Beratung/Therapie, die ins Stocken geraten ist, dank Bewusstwerden blinder Flecken aufseiten des Supervisanden wieder in Fluss kommen.

Die klassische Supervision findet bei einem persönlichen Treffen in Einzel- oder Gruppensitzungen statt.

So kannte auch ich es, bevor der VFP mir das Angebot machte, als Supervisorin das Team des Servicetelefons zu verstärken.

Da ich neuen Wegen gegenüber sehr aufgeschlossen bin, nahm ich an – trotz leiser Zweifel, die sich einschlichen: "Du bekommst keinen Gesamteindruck von deinem Gesprächspartner – du hörst nur seine Stimme. Kann auf diese Distanz überhaupt ein vertrauensvoller Kontakt entstehen? Wird es mir überhaupt möglich sein, in möglichst kurzer Zeit kompetent zu beraten?"

Dann kamen die ersten Anrufe, und alle meine Bedenken verflüchtigten sich, als die positiven Aspekte zu Tage traten:

• Indem ich "nur" höre, werde ich nicht abgelenkt von anderen Sinneseindrücken und konzentriere mich auf den Gesprächsinhalt.

• Die anonymere Art in Kontakt zu sein, erleichtert Offenheit.

• Die Zeitspanne zwischen 30 und 60 Minuten reicht gut aus, dem Supervisanden "auf die Sprünge" zu helfen. (Im Laufe der Jahre stellte sich sogar heraus, dass meist schon ein ca. halbstündiges Telefonat zum gewünschten Ergebnis führt.)

Nach mittlerweile 4-jähriger Erfahrung darf ich sagen, dass mir diese Arbeit nach wie vor Freude macht, frei nach einer Daumenregel der lösungsorientierten Kurztherapie: "Wenn etwas funktioniert, mach mehr davon."

Womit ich auch schon beim nächsten Thema wäre: Wenn "in der Kürze die Würze" liegen soll, muss das Hauptaugenmerk in der telefonischen Supervision auf Lösungen liegen, also weg vom Problem führen. Es geht hier auch nicht darum, auf einem Nebenschauplatz den Hilfe suchenden Berater/Therapeuten zum "Neben-Klienten" zu machen, indem ich zusammen mit ihm voll in seine eigene Problematik einsteige. Das Ziel ist ja letztendlich, den Beratungs-/Therapieprozess positiv im Sinne und zum Wohle des Klienten zu verändern bzw. in Gang zu bringen. Dazu muss dem Supervisanden zwar bewusst sein bzw. gemacht werden, wo sein "Hund" begraben liegt, aber um mit seinem Klienten weiter arbeiten zu können, darf er einen Schritt beiseite treten und neue/andere Wege finden – obwohl oder gerade weil der Klient ein eigenes Thema anrührt.

Supervision ist kein Machtspielchen zwischen einem der’s weiß und einem der’s nicht weiß, sondern eine Dienstleistung, wie sie nach meinem Verständnis jede Beratung/Therapie sein sollte. Für mich ist dabei wichtig, zwei Dinge gleichzeitig im Auge zu behalten:

1. den Auftrag des Supervisanden, wobei es darum geht, seine Schwierigkeiten im Kontakt zum Klienten zu beleuchten

2. das Anliegen des Klienten des Supervison Suchenden, das sich aus den telefonischen Schilderungen herausschält Das Ergebnis einer Supervision ist nach meiner Erfahrung dann stimmig, wenn die möglicherweise veränderte Basis oder Form der Zusammenarbeit sowohl vom Berater/Therapeuten als auch vom Klienten akzeptiert werden kann. Keiner sollte sich in eine bestimmte Richtung gedrängt fühlen, d. h.:

• Der Therapeut darf die Art und Weise wählen, die es ihm innerlich ermöglicht, weiter mit seinem Klienten zu arbeiten (z. B. begleitend oder lösungsorientiert statt aufdeckend). Wenn dies nicht durchführbar sein sollte, darf er die Therapie auch beenden und den Klienten an einen Kollegen/eine andere Stelle verweisen.

• Der Klient muss sich noch in dem Auftrag wiederfinden, den er dem Berater/Therapeuten in Form eines Ziels gegeben hat.

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Grundsätzlich stelle ich immer wieder fest: Wenn ich darauf eingestellt bin, dass die Klienten nicht "zufällig" zu mir kommen, sondern deswegen, weil auch ich immer etwas von ihnen lernen darf und mich so zusammen mit ihnen weiterentwickele, lasse ich den Anspruch und damit die Belastung los, immer die Nase vorn haben und etwas für den Klienten tun zu müssen.

Hier nun noch ein paar von meiner Erfahrung geprägte Antworten auf Themen, denen ich in meiner telefonischen Supervisionspraxis immer wieder begegne:

• Lassen Sie sich nicht von Diagnosen beeindrucken, die Sie von Ihrem Klienten erfahren. Diagnosen neigen dazu, allem ihren Stempel aufzudrücken und hindern Sie daran, einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Unterstützen Sie Ihren Klienten stattdessen dabei, ein für ihn attraktives, positives, konkretes, realisierbares und bekömmliches Ziel zu definieren.

• Verhindern Sie, dass eine Diagnose, die Sie für Ihren Klienten gefunden haben, Sie eingleisig und auf alten Schienen vorgehen lässt. Verfahren Sie stattdessen wie oben.

• Glauben Sie nicht, dass Sie bei einem schweren Problem immer schwere tiefenpsychologische Munition einsetzen müssen. Vertrauen Sie stattdessen darauf, dass Ihr Klient die spielerische "Leichtigkeit des Seins" entdecken kann, wenn die magnetische Anziehungskraft zwischen Problem und innerer Haltung unterbrochen wird durch eine Ausrichtung auf das Positive und die Zukunft.

• Halten Sie nicht an Ihren Therapieplänen und Vorstellungen über den Beratungs-/Therapieverlauf fest. Üben Sie stattdessen die Bereitschaft, Ihre "Kopfgeburten" loszulassen und sich auf interessiert-offene Weise dem Prozess anzuvertrauen.

• Unterschätzen Sie nicht die tiefere Bedeutung, wenn Ihr Klient eine "innerer Leere" verspürt. Da das Gefühl der Leere auf eine Sinnkrise hinweist, fragen Sie Ihren Klienten stattdessen nach Inhalten, die seiner Suche nach einem Lebenssinn förderlich sind – wie einer religiösen Anbindung, seinen Träumen und Visionen – und unterstützen Sie ihn dabei, Möglichkeiten zu finden, diese umzusetzen – frei nach Thomas Mann: "Phantasie haben heißt nicht, sich etwas auszudenken … Es heißt, sich aus den Dingen etwas zu machen …"

• Gehen Sie nicht automatisch davon aus, dass der Mensch, der in Ihre Praxis kommt, immer ein Klient ist. Finden Sie stattdessen heraus, ob der Ratsuchende etwas für sich (und nicht bei anderen) verändern will und auch die Verantwortung dafür übernimmt. Damit sich frühzeitig herausstellt, ob Sie es mit einem echten Klienten zu tun haben, geben Sie dem Ratsuchenden – am besten gleich in der ersten Sitzung – genügend Zeit, ein genaues Ziel für sich und in seinem Handlungsbereich zu formulieren. Sein Ziel ist dann gleichzeitig der Auftrag an Sie.

• Seien Sie nicht davon überzeugt, dass Ihr Klient nur eine äußere Struktur (Tagesstruktur) einhalten muss, damit es aufwärts gehen kann. Unterstützen Sie stattdessen Ihren Klienten gleichzeitig, seine innere Struktur aufzubauen und zu stärken. Die äußere Struktur wird immer wieder zusammenbrechen, wenn sie nicht von innen getragen wird. Zwar wirkt auch das Außen auf das Innen ein, aber in unverhältnismäßig geringerem Maß – so wie etwas von meinen inneren Leben Getrenntes Einfluss auf mich nehmen kann.

• Halten Sie sich nicht ausnahmslos an Ihre Schweigepflicht gegenüber dem Klienten. Prüfen Sie stattdessen die Verhältnismäßigkeit: Besteht womöglich Gefahr für Leib und Leben (dazu zähle ich neben körperlicher auch die seelische Gefährdung) im Umfeld des Klienten – vor allem für minderjährige Kinder? Haben Sie diese Frage mit bestem Wissen und Gewissen bejaht, machen Sie zuständige Behörden/ Vereine auf diesen Fall aufmerksam.

• Sehen Sie sich nicht als den Experten, der weiß, was seinem Klienten fehlt. Davon gibt es schon genügend andere.

Nehmen Sie stattdessen eine Dienstleistungshaltung ein und überlassen Sie es Ihrem Klienten, sein eigener Fachmann in seinen seelischen Belangen zu sein. Er hat alles bereits in sich, was er zur Durchtrennung des gordischen Knotens und zu seiner Entwicklung braucht.

• Befürchten Sie nicht, dass Ihr Klient es nicht vertragen würde, wenn Sie ihn konfrontieren. Intervenieren Sie stattdessen, wenn es "Not"-wendig ist – zum Wohle des Klienten (und auch zu Ihrem eigenen).

Ihre Angst, Ihren Klienten dadurch vielleicht zu verlieren, zeigt Ihnen vielmehr Ihre Unsicherheit auf, mit Auseinandersetzungen umzugehen. Wenn zwischen Ihnen und Ihrem Klienten eine vertrauensvolle Basis besteht, wird Ihr Klient es zu schätzen wissen, wenn sie "dazwischengehen" und ihn auf etwas aufmerksam machen.

Ihnen und mir wünsche ich noch viele aufschlussreiche telefonische Supervisionsgespräche – und einen allzeit ungetrübten Überblick.



Angelika Baudisch-Kunze, Jahrgang 1949. Seit 1997 als Lebens- und Konfliktberaterin, nebenberuflich in eigener Praxis tätig (methodenübergreifend und integrativ) und auch als Dozentin für die DPS und den VFP. Ausbildung in Krisenintervention (Schwerpunkt Gestalttherapie); intensives Studium der analytischen Psychologie C. G. Jungs sowie kurztherapeutischer und systemischer Ansätze. 2003 – 2005 Betreuung Jugendlicher in einer Einrichtung der Jugendhilfe und Psychiatrienachsorge. 2004 Abschluss der Ausbildung zur ILP-Fachberaterin (Integrierte Lösungsorientierte Psychologie) bei Dr. Dietmar Friedmann. Zurzeit im letzten Jahr einer 3-jährigen Ausbildung an der Freiburger Schule für Transpersonale Psychologie und Psychotherapie.
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