Ausschnitte aus einer Paarberatung

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In meinem Leben, ob privat oder beruflich, lernte ich viele Menschen kennen, die sich zeitweise in Konfliktsituationen befanden. Meine Erfahrung lehrte mich, dass diese Menschen ihre Situationen oftmals lösen wollten, indem sie andere fragten, wie sie sich wohl am besten verhalten sollten, was sie tun sollten, was sie sagen sollten usw. Ob es die Nachbarin war, der Kollege oder die Freundin, oder, oder, oder ... Kurz: Sie suchten nach einer Lebensanleitung für ihre Situation. Wer immer etwas dazu sagen konnte, es wurde dankend angenommen. Aber helfen diese Ratschläge von nahestehenden Personen? Sicherlich sind manche Ratschläge gut gemeint und kommen von Herzen. Doch objektiv betrachtet, sind es meist sehr einseitige Ratschläge. Man kennt den Ratsuchenden. Man findet ihn sympathisch. Man fühlt mit ihm. Man möchte gerade ihm nichts Negatives sagen. Kann da ein wirklich guter Rat gegeben werden?

Da auch ich mich des Öfteren sowohl in der Rolle des Ratgebenden als auch in der Rolle des Ratsuchenden wiederfand, stand für mich schnell fest, dass ich mich im Zuge der beruflichen Umorientierung für das Studium zur "Psychologischen Beraterin" entschied. Ich suchte nach den Antworten für das warum, weshalb, wieso ..., nicht nur für mich selbst.

Seit nunmehr anderthalb Jahren betreibe ich eine Praxis für psychologische Beratung. Von Anfang an habe ich mich darauf konzentriert, psychologische Lebensberatung in den Bereichen Partnerschaft, Familie und Beruf anzubieten, um einen möglichst großen Personenkreis anzusprechen.

Die mit Spannung erwarteten ersten Sitzungen mit Klienten waren für mich nicht weniger aufregend als für die Menschen, die zu mir kamen, um mich um Rat zu bitten. Doch es dauerte nicht lange und ich wurde in meiner Tätigkeit als Beraterin immer sicherer. Große Genugtuung empfand ich, wenn ich erkannte, dass das vom Klienten gewünschte Beratungsziel erreicht wurde und er den "roten Faden" in seinem Leben wiederfand.

Allerdings ist der Weg zum Ziel einer Lösung nicht immer einfach. Manches Mal scheitert eine Beratung auch daran, dass beim Klienten eine festzementierte Haltung gegenüber seinen Konflikten und den damit verbundenen Personen vorliegt. Lässt er nicht zu, dass seine Fixierung aufgebrochen wird, ist es kaum möglich, anvisierte Beratungsziele zu erreichen.

Meine Beobachtung zeigt, dass viele Klienten tatsächlich etwas gemeinsam haben. Sie kommen zum ersten Gespräch, schildern ihr Problem und ihre Wünsche als "Ziel" und gleich darauf folgt die Erwartungshaltung an mich: "Sie brauchen mir nur zu sagen, was ich tun soll – dann kriege ich das schon hin." Als wäre das so einfach! Viele stellen sich das vor wie den Gang zum Apotheker, den man um ein Schmerzmittel gegen die Kopfschmerzen bittet, in der Hoffnung, wenn man dieses einnimmt, verschwinden die Schmerzen sofort. Was aber die Ursache der Schmerzen ist, will man oft gar nicht wissen, ja es scheint fast, als wäre man daran nicht sonderlich interessiert. Hauptsache, die Symptome lösen sich scheinbar in nichts auf. Dem entspricht, dass man sich eine Gebrauchsanleitung wünscht, nach der man handeln kann, in der Hoffnung, durch sie die belastenden Probleme zu beseitigen.

Aber gibt es diese überhaupt?

Ohne direkt darauf hinzuwirken, kamen nach und nach überwiegend Paare in meine Praxis, sodass ich heute sagen kann, dass mein momentaner Schwerpunkt in der Partnerschaftsberatung, also Paarberatung, liegt.

Auffallend bei meinen Klientengesprächen war, dass, bis auf wenige Ausnahmen, fast immer der Mann die Initiative ergriff und um einen Gesprächstermin bat. Oft mit dem Hinweis "hoffentlich zieht meine Partnerin da mit". Das gibt mir zu denken: Überlassen Frauen den unangenehmen Teil des Ergreifens einer Initiative oft dem starken Geschlecht? Vieles spricht dafür. Doch was schließen wir daraus? Ist es dem Mann wichtiger als der Frau, ihre Partnerschaft wieder ins Lot zu bringen? Ist er im Grunde der Kämpfer, der es unternimmt, die Dinge zu regeln? Fast möchte man meinen, ja. Anders gesehen muss dies nicht so sein. Vielleicht ist es für seine Partnerin gar nicht mehr wichtig, den Konflikt in ihrer Partnerschaft zu kitten. Hat sie schon aufgegeben, wo der Partner noch meint, etwas retten zu können? Es kann sein, dass sie die Phasen von Zorn und Rebellion schon hinter sich gelassen hat und sich in einem resignativ gleichgültigen Zustand bewegt, ohne dass dies dem Mann aufgefallen wäre?

Der letzte Absatz spiegelt teilweise die Verfassung wider, in der sich das Ehepaar S. befand, als es das erste Mal zu einem Beratungsgespräch in meiner Praxis erschien.

Auch in diesem Fall war es Herr S. gewesen, der telefonisch um einen Termin bat. Schon am Tonfall der Stimme konnte ich durch den Telefonhörer seine Aufgeregtheit deutlich spüren. Er sprach in kurzen, abgehackten Sätzen, die er mehrmals wiederholte. Seine Kurzatmigkeit war nicht zu überhören: "Ja, ich, nein wir brauchen Ihre Hilfe, so geht das nicht mehr weiter. Es muss uns jemand sagen, was wir tun sollen. Anders weiß ich nicht mehr, wie wir zurecht kommen sollen."

Da war er wieder der Satz: "Es muss uns jemand sagen ..."

Wir einigten uns darauf, dass ein erstes Gespräch in den frühen Abendstunden des darauffolgenden Tages erfolgen könnte.

Herr S.: "Ich weiß nicht, ob meine Frau mit dem Termin einverstanden ist, aber das ist mir auch egal. Ich komme auf jeden Fall, vielleicht auch alleine."

Grundsätzlich bin ich als Beraterin skeptisch gegenüber Sitzungen in den Abendstunden. Aus gutem Grunde: Die Gespräche verlaufen nach dem Ablauf eines frustrierenden Tagesgeschehens oftmals sehr emotional. Die Nerven liegen blank und nicht selten kommt es zu Gefühlsausbrüchen. Die Gefahr, sich verselbständigende Emotionen dann mit in den Schlaf zu nehmen, ist groß! Doch ich habe mich den zeitlichen Möglichkeiten meiner Klienten angepasst. Deren Berufstätigkeit lässt meist keine andere Terminierung zu.

Es liegt in der Verantwortung des Beraters oder der Beraterin, mit viel Empathie und Diplomatie den Verlauf des Gespräches so zu bestimmen, dass eine Eskalation möglichst vermieden wird. Wichtig ist, dafür zu sorgen, dass durch das Beratungsgespräch zum Ende der Sitzung für die Klienten eine Entspannung eintritt, so dass sie in einer psychisch stabilen Verfassung aus der Sitzung entlassen werden können.

Überraschenderweise kam das Ehepaar S. doch gemeinsam zur ersten Sitzung. Mein erster Eindruck bestätigte sich später. Sie wirkten beide nach außen hin müde und kraftlos.

Bei Frau S. beobachtete ich eine geschlossene Körperhaltung. Sie hatte bereits auf dem Sofa Platz genommen, beugte ihren Oberkörper nach vorne und zog beide Arme gestreckt zwischen ihre Knie, wobei sie beide Hände krampfhaft zusammenfaltete, und atmete schwer. Ihre aufsteigende rötliche Gesichtsfarbe machte deutlich, dass ihr Blutdruck vor Aufregung stieg, (wie sie mir später versicherte). Sie war 54 Jahre alt, übergewichtig und schien wenig aus ihrem Äußeren zu machen. Ihre Augen waren gerötet und wirkten glasig, als hätte sie vorher geweint.

Herr S. hatte inzwischen ebenfalls Platz genommen, jedoch nicht neben seiner Frau auf dem Sofa, sondern auf einem einzelnen Sessel. Auch er hatte gerötete müde Augen und wirkte erschöpft. Seine mitgeführte Aktentasche stellte er neben sich auf den Boden. Bei ihm nahm ich wahr, dass seine Körperhaltung sehr offen war. Breitbeinig saß er da, beide Arme auf die Armlehnen des Sessels platziert, den Rücken in entspannter Position zurückgelehnt. Mein Eindruck: Er thronte auf dem Sessel, fast wie ein Patriarch. Meine Mutmaßung war, dass diese Haltung jedoch nur vorgetäuscht war. Ohne die Arme zu bewegen, hob er mehrmals beide Hände. Dazu wiegte er zweifelnd seinen Kopf hin und her, zog dabei die Mundwinkel nach unten, runzelte die Stirn und maulte: "Ja, jetzt sind wir hier!" Mir entging nicht, dass er seine Frau dabei strafend ansah. Herr S. war 55 Jahre alt. Seine Kleidung war genauso altmodisch wie seine Frisur. An seiner Gesichtsfarbe war auch ihm deutlich anzumerken, dass er mindestens genauso aufgeregt war wie seine Frau.

Es dauerte nur Sekunden, da hatte sich in meinem Beratungsraum eine gewaltige Spannung aufgebaut. Aus meiner bisherigen Erfahrung weiß ich aber, wie wichtig es ist, diese Spannung erst einmal zu entschärfen. Ein paar kleine unwichtige Fragen und ein kleiner Smalltalk kann dabei wahre Wunder bewirken. Auch versuche ich hier und da, mit einem kleinen Spaß die angespannte Atmosphäre aufzulockern, um dem Klienten die Hemmschwelle zu nehmen. Auch in einer psychologischen Beratung darf gelacht werden. Ich habe es mir zu einem Grundsatz gemacht, zusammen mit den Klienten die bestehenden Konflikte ab und zu auch von der satirischen Sichtweise aus zu betrachten. Die Banalität mancher Konfliktsituation wird dadurch oft besser und schneller erkannt als durch langwierige "theoretische" Gespräche. Um zu gewährleisten, dass sich der Klient dadurch nicht in seiner Würde herabgesetzt fühlt, sind aber größtes Feingefühl und Empathie erforderlich. Ich setze diese Taktik allerdings nur dann ein, wenn ich einzuschätzen weiß, ob der jeweilige Klient für sie zugänglich erscheint. Durch den genannten Smalltalk lässt sich dies relativ schnell abklären.

Bei dem Ehepaar S. griff eine solche Intervention jedoch nicht. Selbst nach ein paar auflockernden Sätzen von mir konnte dessen nervliche Anspannung nicht abgebaut werden.

AUSZUG AUS DEM PROTOKOLL DER ERSTEN GEMEINSAMEN SITZUNG

Beraterin: Zu Beginn unserer Sitzung ist es wichtig, dass Sie mir Ihren Konflikt schildern und mir mitteilen, welches Ziel Sie gemeinsam durch meine Beratung erreichen wollen. Wer von Ihnen beiden möchte mir denn Ihre momentane Situation oder den bestehenden Konflikt beschreiben? Ich hatte beide angesprochen.

Frau S. sah zu ihrem Mann, verschränkte beide Arme fest vor ihrer Brust und signalisierte ihm durch diese Körpersprache "Du sollst sprechen!"
Herr S. nahm das Signal an und begann zu berichten.

Herr S.: Wir verstehen uns nicht mehr. Wir streiten nur noch. Meine Frau kommt mit mir nicht mehr klar. Alles mache ich falsch. Ich kann ihr nichts mehr recht machen. Alles, was ich mache, ist verkehrt. Sie weiß alles besser! Mit ausgestrecktem Arm wies er auf seine Frau wie auf eine Schuldige. Es schien, als wollte er deutlich machen, dass das eigentliche Problem nicht er, sondern seine Frau ist.

Frau S. sackte daraufhin in sich zusammen und begann heftig zu weinen.

Herr S. zu seiner Frau: Nun sag du doch auch mal was!

Frau S.: Was soll ich denn dazu sagen. Du verstehst mich ja sowieso nicht.

Herr S., schon sichtlich aufgebracht, reagierte zornig: Ja, was soll ich denn auch verstehen. Du redest ja nicht mehr mit mir!

Frau S.: Du kannst mir doch noch nicht mal mehr zuhören, wenn ich was sage. Immer schreist du gleich herum.

Herr S., nun sichtbar erregt und mit lauter Stimme: Was erzählst du denn da für einen Quatsch? Jedes Mal, wenn ich nach Hause komme und mit dir reden will, sitzst du vor dem Fernseher und hast keine Lust mit mir zu sprechen.

Frau S.: Du schreist ja auch jedes Mal. Das ertrage ich nicht mehr.

Herr S.: Du sagst mir ja noch nicht mal, wenn etwas passiert ist.

Frau S.: Ja, warum wohl!

Herr S.: Wie war das denn gestern Abend? Ich habe dich gefragt, was passiert ist, und du antwortest mir "nichts". Heute erfahre ich, dass du die Treppe hinuntergestürzt bist und heute beim Arzt warst. Was soll ich denn davon halten?

Frau S. zuckt nur mit den Schultern und weint.

Bisher habe ich den Dialog zwischen den Ehepartnern aufmerksam und schweigend verfolgt. Wie ich nach dem bisherigen Gesprächsverlauf vermute, kommunizieren die Eheleute nur noch auf der Basis von bruchstückhaften Informationen miteinander. Es scheint eine deutliche Störung auf der Kommunikationsebene vorzuliegen. Doch glaube ich nicht, dass dies der einzige Konflikt ist, den die beiden miteinander austragen. Meine Intuition sagt mir, dass das Kernproblem vermutlich tiefer liegt. Ich greife nun in den Streit ein.

Beraterin: Welches Ziel möchten Sie denn durch meine Beratung erreichen?

Frau S.: Wir wollen auf jeden Fall zusammenbleiben.

Herr S. nickt zustimmend.

Beraterin: Nun, das ist ein klares Ziel. Was glauben Sie, könnte in Ihrer Beziehung besser funktionieren?

Herr S.: Wir sollten wieder mehr miteinander sprechen.

Frau S: Ja, das haben wir früher immer getan.

Beraterin: Warum tun Sie das heute nicht mehr?

Herr S. und Frau S. reagieren auf diese Frage mit Wortlosigkeit und Ratlosigkeit.

Beraterin: Ich habe Ihnen beiden bisher aufmerksam zugehört und stelle mir die Frage: Warum fällt es Ihnen so schwer, Ihren Partner zu verstehen?

Herr S. sieht mich an, als käme ich vom Mond, er ist ratlos.

Frau S. sieht mich verwundert an, ist ebenfalls ratlos, zuckt mit den Schultern.

Beide sind plötzlich verunsichert. Was will die eigentlich von uns, scheinen sie zu fragen.

Beraterin: Was wäre denn aus Ihrer Sicht erforderlich, dass Sie wieder mehr und offener miteinander sprechen?

Herr S.: Sie müsste mit mir sprechen. Das tut Sie ja nicht.

Frau S.: Er müsste nicht mehr so cholerisch sein und besser zuhören.

Beraterin: Hier muss ich Sie beide loben. Sie haben drei für Sie persönlich ganz wichtige positive Ansätze schon selbst erkannt, nämlich Sprechen, Verhalten, Zuhören. Darauf können wir aufbauen.

Ich weise hier auf eine Interpretation von Hans Jellouschek hin, der in seinem Buch "Die Paartherapie" beschreibt, dass nicht die Defizite des Paares oder der Partner betont werden sollen, sondern das Streben nach Lösung und Weiterentwicklung. Damit werden dem Paar neue, positivere Sichtweisen seiner Problematik vermittelt und die Aufmerksamkeit wird von Anfang an auf eine Entwicklungsperspektive hin ausgerichtet.

Beraterin: Ihre momentane Situation, in der Sie sich emotional befinden, kenne ich nun. Doch – was ist der Auslöser für diese Situation? Wo liegt das eigentliche Problem? Ich sehe beide an. Weder Frau S. noch Herr S. möchten antworten.

Um mir ein vollständiges Bild der gesamten Konfliktsituation zu machen, hole ich mir meine Informationen nun im Rahmen der Anamnese und stelle zu der Konfliktebene noch einmal zielgerichtete offene Fragen.

Max Prior gibt in seinem Buch "MiniMax- Interventionen" gute Ansätze zur Fragestellung seitens des Beraters an seine Klienten. Er empfiehlt u. a. die offenen konstruktiven W-Fragen, also was, wann, welche, wer, wie, woran, wodurch ... Diese Art der Fragestellung beziehe ich in mein Gespräch mit den Klienten ein. Er schreibt hierzu: Allein durch die Form dieser konstruktiven W-Fragen wird deutlich vermittelt, dass es der Therapeut/Berater genauer wissen will, dass er ein großes Interesse hat und ihm das Erfragte wichtig ist. Konstruktive W-Fragen sind konstruktiv im Sinne von aufbauend und nützlich, und sie helfen konstruieren, was Klient und Therapeut/Berater wollen.

Beraterin: Wie lange sind Sie beide denn verheiratet?

Herr S.: 20 Jahre.

Beraterin: Wie lange kennen Sie sich schon?

Frau S.: 21 Jahre.

Beraterin: Haben Sie Kinder?

Frau S.: Ja, wir haben zwei Kinder, die Jüngste ist 15 Jahre alt.

Beraterin: Sie sagten mir zu Beginn der Sitzung, Sie seien selbstständig. Welcher Tätigkeit gehen Sie nach?

Herr S.: Ich bin selbstständiger Handelsvertreter und meine Frau hat ein kleines Einzelhandelsgeschäft.

Beraterin: Wie laufen Ihre Geschäfte?

Herr S.: Ich habe insgesamt drei Handelsvertretungen und alle drei laufen schlecht. Meine Verdienste sind innerhalb eines halben Jahrs total eingebrochen. Meine Frau muss mich finanziell unterstützen.

Frau S. stöhnt und nickt.

Beraterin: Haben Sie kein gemeinsames Haushaltsbudget?

Frau S. schaltet sich ein: Nein. Mein Geschäft geht mehr recht als schlecht. Allein ginge es mir gut. Aber ständig muss ich Kosten, die mein Mann durch seine Jobs verursacht, mit ausgleichen. Das bringt mein Geschäft in finanzielle Engpässe. Ich habe Angst. Mein Geschäft trägt das nicht mehr lange.

Beraterin: Herr S., wie viel verdienen Sie denn monatlich?

Herr S. macht eine hilflose Handbewegung und blickt ratlos.

Frau S.: Wenn er wenigstens etwas verdienen würde. Aber er macht ja nichts. Er fährt nur in der Gegend herum. So kann das ja nichts werden.

Herr S. wird laut: Was heißt denn, ich mache nichts? Wenn ich Benzin sparen will und zu Hause arbeite, z.B. Termine ausmache, dann ist dir das auch nicht recht. Was ich auch mache oder nicht mache. Meine Frau weiß alles besser!

Frau S. weint nun bitterlich.

So langsam kristallisiert sich ein weiterer Konflikt heraus. Das Ehepaar S. hat schwere Geldsorgen, die das Partnerschaftsverhältnis in gravierender Weise langsam aber sicher zu ersticken drohen. Beide fühlen sich von dem Partner nicht mehr beschützt, nicht mehr geliebt, nicht mehr verstanden und blockiert. Hinzu kommt eine gravierende Sehnsucht nach Geborgenheit und Sicherheit. Die Erwartungshaltung an den Partner, nach Behebung der Finanznot, kann keiner der beiden erfüllen.

Das Ehepaar S. befindet sich jedoch nicht nur in einer finanziellen Krise, sondern auch in einer persönlichen und beruflichen. Berufliche Veränderungen führten zu finanziellen Einbrüchen, persönliche Rückschritte und gesundheitliche Probleme lassen es ihre Grenzen erkennen. Eines der Kinder ist bereits aus dem Hause, nur die jüngste Tochter lebt noch bei ihnen.

2007-04-partner2Hans Jellouschek, Eheberater und Lehrtherapeut ..., spricht in seinem Buch "Die Paartherapie" von einem Lebenszyklus des Paares und beschreibt die "Jahreszeiten" der Liebe. Er hat ein Modell aufgestellt, das die Entwicklung eines Paares darstellt. Hiernach befindet sich das Ehepaar S. in der Phase "Herbst". Das heißt, ein Paar in der zweiten Lebenshälfte (Alter = 45 bis 60 Jahre), aber auch ein Paar nach der Familienphase. Der Abschied von den Kindern ist schon schwer genug. Die neue Zweisamkeit muss erst wieder gefunden – und die mit ihr verbundenen "Ziele" müssen neu definiert werden. Sich wieder als Partner neu entdecken, Altes aufgeben, Neues in Angriff nehmen, all das trifft momentan auf das Ehepaar S. zu. Es befindet sich in einem Zustand schmerzlicher Verluste, liebgewonnene berufliche Tätigkeiten mussten aufgegeben werden, Existenz- und Verlustängste beherrschen den Alltag und verunsichert es. Kein Wunder, dass es diesen Übergang als Krise empfindet. Alleine fühlt es sich der Bewältigung von dem allen nicht mehr gewachsen.

Beraterin – Frage an Frau S. gerichtet, die immer noch weint: Wie haben Sie sich eigentlich kennen gelernt?

Frau S. sichtlich irritiert über die Ablenkung: Oh, das war ganz lustig. Sie sieht ihren Mann an und der nickt erfreut.

Herr S. übernimmt daraufhin sofort wieder das Wort und beschreibt ausführlich und langatmig, wie sie sich das erste Mal sahen.

Frau S. hat inzwischen aufgehört zu weinen. Sie verfolgt aufmerksam die Schilderung ihres Mannes, ergänzt diese teilweise und stimmt ihm hin und wieder nickend zu.

Nach diesen Erzählung habe ich den Eindruck, dass ich beide zunächst einmal von der eigentlichen Problematik ablenken konnte, um die Emotionen bei beiden Ehepartnern etwas zu stabilisieren. Ich entlasse sie nun aus der ersten Sitzung und vereinbare mit Frau S. und Herrn S. jeweils einen weiteren Termin für ein Einzelgespräch.

In dem Einzelgespräch soll jeder der beiden die Möglichkeit haben, die gesamte Problematik aus seiner ganz persönlichen Sichtweise anzusprechen. Das fällt dem Klienten in der Paarberatung erfahrungsgemäß leichter, weil er die Einwände seines Partners nicht befürchten muss. Er kann sich freier und unbefangen äußern und seine Ansprüche und Erwartungen, die er an seinen Partner hat, klarer definieren. Der Klient ist im Einzelgespräch eher bereit, auch über Enttäuschungen in der Partnerschaft zu sprechen. Gefühle und Emotionen, die in einem gemeinsamen Beratungsgespräch oft blockiert werden, können losgelassen werden. Das heißt: Im Einzelgespräch wird nicht nur das eigentliche "Anliegen" thematisiert, nein – es treten vielmehr unerledigte bzw. unbewältigte Konflikte in den Vordergrund, die oftmals mitverantwortlich für die momentane Problemsituation sind.

Dessen werden sich die Klienten erst bewusst, wenn sie alleine zu einem Gespräch kommen und mit ihren eigenen emotionalen Gefühlsausbrüchen konfrontiert sind.

Meistens versuchen wir, Unangenehmes und Unerfreuliches aus unserem Alltag zu verdrängen. Das tun wir, indem wir nicht mehr daran denken wollen! Wir löschen das Unerfreuliche einfach aus unserem Gedächtnis, indem wir es aus unserem Bewusstsein verbannen. Doch unser Unterbewusstsein gleicht der Festplatte unseres Computers. Es speichert ALLES!!!

Es ist daher nicht selten, dass ein Klient von dem Verlauf des Einzelgesprächs völlig überrascht wird, wenn er mit Erlebnissen und Erinnerungen konfrontiert wird, die er verdrängt hat und mit denen er sich "plötzlich" auseinandersetzen muss.

ZUSAMMENFASSUNG UND AUSZUG DES PROTOKOLLS DES ERSTEN EINZELGESPRÄCHS MIT FRAU S.

Frau S. wuchs in einem behüteten Elternhaus auf. Als der Vater starb, war sie 12 Jahre alt.

Die Mutter war nach dem Tod ihres Mannes fast mittellos. Die kleine Familie wurde in ihrer Not finanziell von einem Onkel, einem höheren Beamten, unterstützt. Schon damals registrierte Frau S., dass finanzielle Sicherheit nur auf solidem Boden gedeihen kann. Finanzielle Sicherheit wurde für sie lebenswichtig. Sie erlernte einen Beruf und arbeitete als Versicherungskauffrau. Im Alter von 19 Jahren verliebte sie sich in einen wesentlich älteren Mann und bekam kurze Zeit später ihr erstes Kind. Doch der Geliebte eröffnete ihr erst zu dieser Zeit, dass er schon verheiratet und bereits mehrfacher Familienvater war. Der Traum von familiärer und finanzieller Sicherheit war geplatzt. Frau S. wurde selbstständiger und arbeitete fleißig. Sie verdiente gut und konnte sich eine kleine Wohnung leisten.

Wieder verliebte sie sich und heiratete. Doch der Ehemann entpuppte sich als Trinker und Schläger. Sie trennte sich von ihm. Abermals war ihr Traum von Familienglück und Sicherheit geplatzt. Sie arbeitete weiter und führte mit ihrem Kind ein geregeltes Leben, jedoch immer mit der Sehnsucht nach einem starken Mann an ihrer Seite, der ihr Schutz und Sicherheit bot. In dieser Phase lernte sie Herrn S. kennen. Schon nach relativ kurzer Zeit zog dieser zu ihr und dem Kind. Beide übten sie ihren Beruf gerne aus und hatten sich abends, wenn das Kind im Bett lag, immer viel zu erzählen. Kurze Zeit später heirateten sie und Herr S. adoptierte ihre kleine Tochter. Das Glück schien vollkommen, als das zweite, gemeinsame Kind, geboren wurde. Alles, was sich Frau S. jemals gewünscht hatte, war in Erfüllung gegangen. Finanzielle und berufliche Sicherheit, Geborgenheit in der Familie und allgemeines Verständnis füreinander.

Allerdings änderte sich dies alles mit dem Tod ihres Schwiegervaters. Er hinterließ seinem Sohn eine kleine Firma, mit der Auflage, dass dieser seine Mutter in Zukunft mit unterstützen sollte. Mit der Übernahme der Firma war ein Umzug der Familie in den Heimatort des Mannes unumgänglich. Frau S. musste auf ihren geliebten Arbeitsplatz verzichten, um die Verwaltung für den väterlichen Betrieb ihres Ehemannes zu übernehmen. Der Umbruch für die Familie war gewaltig. Bald zeigte sich, dass die Geschäfte immer schlechter liefen. Die finanziellen Verbindlichkeiten und die finanzielle Unterstützung der verwitweten Mutter brachten das Ehepaar S. an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Herr S. gab die Firma auf, wurde als Handelsvertreter selbstständig. Frau S. gründete im Haus der Schwiegermutter ein eigenes kleines Geschäft. Den Mut zur Veränderung brachten beide auf. Es stellte sich aber bald heraus, dass Herr S. als Handelsvertreter keinen Umsatz machte, oder nur sehr wenig. Die Belastungen durch Fahrkosten und Verwaltungskosten, die bei einer Tätigkeit als Handelsvertreter entstehen, kann Herr S. mit seinem spärlichen Verdienst nicht decken. Er ist auf die finanzielle Unterstützung seiner Frau angewiesen.

Frau S. betreibt den kleinen Laden alleine und erzielt damit ein Einkommen, das gerade die Kosten der Verbindlichkeiten und der Lebenshaltung deckt. Für sie ist diese Situation unerträglich und sie sieht sich um ihre existenzielle und finanzielle Sicherheit gebracht. Auch die Abhängigkeit bezüglich ihrer Geschäftsräume im Haus der Schwiegermutter macht ihr zu schaffen.

Das Gefühl von Geborgenheit hat sie verloren. Momentan befindet sie sich in der Phase von großen Existenz- und Verlustängsten. Hinzu kommen diverse gesundheitliche Probleme. Aus ihrer Sicht trägt ihr Mann die Verantwortung an der gesamten Misere, weil er keinen Verdienst einbringt. Er arbeitet für sie nicht effektiv, ist unorganisiert. Ständig gibt sie ihm Ratschläge, wie er es besser machen soll. Doch er hält sich nicht daran. Das macht sie wütend und hilflos. Sie reagiert mit Trotz, Verständnislosigkeit und teilweise auch mit Resignation. Das äußert sich in ihrem Verhalten dem Ehemann gegenüber. Auf Fragen von ihm antwortet sie nicht oder nur mit unvollständigen Informationen, oder geht Gesprächen mit ihm ganz aus dem Weg. Zärtliche Gefühle füreinander gibt es schon lange nicht mehr.

Eine Paartherapie vor zwei Jahren haben sie erfolglos abgebrochen.

Beraterin: Frau S., Wollen Sie mit ihrem Mann zusammen bleiben?

Frau S.: Ja, doch.

Beraterin: Warum?

Frau S.: Wenn er nur genug verdienen würde, wäre alles besser.

Beraterin: Würden Sie sagen, es liegt nur am Geld?

Frau S.: Na, ja, also er schreit auch so viel und wird aggressiv. Das erinnert mich an meinen ersten Mann. Der schrie auch so!

Beraterin: Sie deuteten an, dass ihr erster Mann sie geschlagen hat. Wie oft kam das vor?

Frau S.: Oft, dann hatte er meistens auch getrunken und schrie mich an.

Beraterin: Trinkt ihr jetziger Ehemann auch?

Frau S.: Manchmal. Dann wird er auch aggressiv.

Beraterin: Hat er sie schon mal geschlagen?

Frau S.: Nein.

Beraterin.: Haben Sie Angst, geschlagen zu werden?

Frau S.: Ich weiß nicht.

Beraterin: Vergleichen Sie ihren jetzigen Mann mit ihrem ehemaligen Ehemann?

Frau S.: Ja.

Beraterin: Wie war das damals, als sie geschlagen wurden. Mit wem haben sie darüber gesprochen?

Frau S.: Mit niemandem. Es gab keinen Menschen, der mir helfen konnte. Ich habe bis heute überhaupt noch nie mit jemandem darüber gesprochen.

Frau S. bricht in Tränen aus.

Beraterin: Wollen Sie mir mehr darüber erzählen?

Frau S.: Nein. Das tut nichts zur Sache!

Frau S. wirkt plötzlich sehr distanziert.

Mir wird bewusst, dass ich bei Frau S. ein offenbar tiefer liegenderes Trauma angesprochen hatte und verwickele sie daher, um sie nicht übermäßig zu belasten, zum Ende der Sitzung in banale Gesprächsthemen hinsichtlich der Freizeitgestaltung. Wir sprechen noch über ihr Hobby, die Töpferei. Danach entlasse ich sie aus dem Einzelgespräch.

Allerdings bekam sie eine kleine Aufgabe mit nach Hause: Sie sollte in einer Liste alle Erwartungen, die sie an ihren Mann stellt, notieren.

ZUSAMMENFASSUNG UND AUSZUG DES PROTOKOLLS DES ERSTEN EINZELGESPRÄCHS MIT HERRN S.

Herr S. wuchs in einem finanziell gesicherten Elternhaus auf. Er hat noch eine jüngere Schwester. Seine Eltern besaßen eine kleine Firma. Die Geschäfte liefen gut. Beide Kinder genossen eine gute Ausbildung. Geldsorgen gab es keine. Im Elternhaus herrschte eine strenge Erziehung. Der Vater war der alleinige Entscheidungsträger der Familie. Beide Kinder zogen frühzeitig aus dem Elternhaus aus und suchten sich einen Arbeitsplatz an ihrem jeweiligen Wohnort.

Für Herrn S. erfüllte sich ein Traum, als er seine jetzige Frau kennen lernte. Sie war die erste Frau in seinem Leben und verkörperte für ihn eine Freiheit, die er bis dahin noch nicht kannte. Bei ihr konnte er sich entfalten, sich wohl fühlen, sich mitteilen. All das, was der Vater zu Hause unterdrückte. Er hatte einen guten Arbeitsplatz und fand sich in der Arbeitswelt bestätigt. Sein Selbstbewusstsein stieg. Er fühlte sich sehr von seiner jetzigen Frau angezogen, so dass er fast überstürzt bei ihr einzog. Das Familienleben mit ihr und ihrem Kind gefiel ihm. Er entschloss sich schon früh, sie zu heiraten. Über ihren vorherigen Ehemann wusste er, dass er ein Trinker und Schläger war. Dass seine heutige Frau damals häufig Opfer von Schlägen wurde, wusste er bis heute nicht. Darüber wollte sie nie mit mir sprechen – so sein Kommentar dazu. Seitdem er beruflich keinen Erfolg mehr hat, ist die Partnerbeziehung zwischen beiden gestört. Herr S. fühlt sich von seiner Frau finanziell abhängig. Das passt nicht in sein Lebenskonzept. Schließlich ist er der Mann im Haus. In seinem Selbstbildnis ist er der Entscheider, der Chef in der Familie. Seine Aufgabe ist es, das Einkommen zu sichern. Als er noch gut verdiente, war alles in Ordnung. Seine Frau stand zu ihm und seiner von ihm vorgegebenen Familienstrategie. Jetzt ist nichts mehr, wie es einmal war.

Beraterin: Wollten Sie schon immer die Firma ihres Vaters übernehmen?

Herr S.: Nein. Eigentlich wollte ich in meinem Beruf weiterarbeiten.

Beraterin: Warum haben Sie sich dann anders entschieden?

Herr S.: Mich reizte die Selbstständigkeit. Ich ertrage es nicht, wenn mir jemand sagt, was ich tun und lassen soll.

Beraterin: Wie kommen Sie denn mit Ihrer jetzigen Kundschaft zurecht?

Herr S. sichtlich genervt: Das kotzt mich an.

Beraterin: Was wäre denn Ihre berufliche Wunschlösung?

Herr S.: Ich würde gerne mit meiner Frau zusammen das Geschäft führen, aber jeder müsste einen eigenen Arbeitsbereich haben.

Beraterin: Warum haben Sie das noch nicht versucht oder umgesetzt?

Herr S.: Weil meine Frau das nicht will.

Beraterin: Warum glauben Sie, will sie das nicht.

Herr S.: Sie kann meine Launen nicht ertragen. Dabei bin ich schon immer so. Ich weiß gar nicht, was sie dauernd hat. Wenn mir was nicht passt, schreie ich eben los. So bin ich. Das hat meine Frau früher doch auch nicht gestört.

Beraterin: Sind Sie sich da sicher?

Herr S.: Nein ...

Beraterin: Angenommen Sie hätten einen launischen Kollegen, mit dem Sie täglich eng zusammenarbeiteten, und der würde ständig herumschreien, wenn ihm etwas nicht passt. Wie würden Sie sich dann fühlen?

Herr S.: Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Das ist mir klar. Natürlich würde mir das nicht passen. Insofern verstehe ich meine Frau schon. Aber ich meine das alles doch nicht persönlich.

Beraterin: Nun, wichtig ist, dass Sie die Reaktion Ihrer Frau verstehen. Warum zeigen Sie ihr das aber nicht?

Herr S.: Ich kann nicht aus meiner Haut. Ich bin doch so.

Beraterin: War Ihre Frau schon immer so sensibel?

Herr S.: Ja.

Beraterin: Wie sehen Sie Ihre persönliche Zukunft?

Herr S.: Also, ich will schon mit meiner Frau zusammenbleiben. Aber sie soll mehr Verständnis für mich aufbringen. Ich habe es momentan echt schwer. Scheiße! Ich habe eigentlich außer meiner Frau niemanden, mit dem ich sprechen kann und der mich versteht. Jetzt spricht noch nicht mal meine Frau mit mir. Nur das Nötigste.

Die Sitzung ist fast beendet und ich spreche mit Herrn S. noch über verschiedene Entspannungsübungen, für die er sich interessiert.

Auch Herr S. bekommt von mir die Aufgabe, alle Erwartungen, die er an seine Frau hat, zu notieren. Danach vereinbaren wir einen weiteren Sitzungstermin für ein Dreiergespräch.

ZUSAMMENFASSUNG UND AUSZUG DES PROTOKOLLS DES DREIERGESPRÄCHS

Das Ehepaar S. hat die gleiche Sitzposition eingenommen wie beim ersten Gespräch. Sie machen einen unsicheren Eindruck und wirken distanziert. Auf mein Befragen schildern beide, dass sich die momentane Situation weder verschlechtert noch verbessert habe. Beide haben auf meinen Rat hin versucht, in den letzten Tagen friedlicher miteinander umzugehen.

Beide haben ihre Aufgabe erledigt und brachten ihre Aufstellung mit. Ich stellte fest, dass jeder ca. 10 bis 15 Punkte notiert hatte. Es wäre mühselig, alle Punkte einzeln aufzuführen.

Ein einzelnes Beispiel gebe ich dennoch:

Herr S.: Sie soll mit mir sprechen, mich informieren, mich verstehen.

Frau S.: Er soll mir mehr erzählen, mir besser zuhören, verständnisvoller sein.

Wie gehen zu dritt jeden einzelnen Punkt durch und kommen zu dem Ergebnis, dass beide fast identische Erwartungen an den Partner notiert hatten. Das Ehepaar S scheint darüber fast schockiert zu sein. Frau S. verliert die Fassung und beginnt hemmungslos zu weinen. Herr S. wirkt ebenfalls wie vom Blitz getroffen. Ich greife die wichtigsten Punkte heraus, die auch unsere Sitzungen wie einen roten Faden durchlaufen haben: Sprechen, Zuhören, Verstehen, Verhalten. Im gemeinsamen Gespräch erkennt das Ehepaar S. nur ganz langsam, was ihr eigentlicher Konflikt ist. Sie stellen an ihren Partner Erwartungen, die dieser in seiner momentanen Situation gar nicht erfüllen kann. Dazu kommt das gänzliche Unverständnis füreinander. Keiner von beiden fragt den anderen, nach dem "warum". Sie werfen sich gegenseitige Bruchstücke von Informationen zu, teilweise sogar bewusst unvollständig, mit dem Hintergedanken, nun soll er oder sie zusehen, wie man damit fertig wird. Das Scheitern dieser "Aufgabe" wird dann der anderen Seite als "Schuld" ausgelegt. Sie haben ein Spiel in Gang gesetzt, das zu einer schweren Störung auf der Kommunikationsebene führte, das sich wie eine Spirale fortsetzt und letztendlich nur gestoppt werden kann, wenn beide bereit sind, dieses Spiel zu beenden und zu einer normalen Kommunikation zurückfinden, verbunden mit einem gesunden Maß an Verständigung und Rücksichtnahme. Dazu kommt, dass sie beide voneinander abhängig sind. Herr S. finanziell von seiner Frau. Frau S. räumlich von ihrem Mann. Das macht sie hilflos und wütend zugleich, weil jeder für sich keinen Ausweg aus der Situation sieht.

Ich sehe hier die Chance, durch einen Rollenwechsel jeden Ehepartner so zu sensibilisieren, dass er seine Sichtweise für das Verhalten seines Partners ändert und lasse es zu einem Wechsel der Perspektive zwischen den Eheleuten kommen. Frau S. übernimmt die Position von Herrn S. und Herr S. die von seiner Frau. Ich als Beraterin, übernehme die Aufgabe der Regisseurin.

Der Sinn und Zweck dieses Rollenspiels ist, dass der Klient lernt, die Problemsituation aus der Sichtweise des Partners zu sehen. Im Rollenspiel werden Konfliktsituationen und Gesprächsverläufe aus den vorausgegangenen Sitzungen nachgestellt. Im Anschluss daran werden beide Klienten von mir als Berater aufgefordert, ihre Reaktionen und Stellungnahmen sowohl aus der Sicht des Partners als auch aus der eigenen Sichtweise zu analysieren. Durch die gewonnenen Erkenntnisse wird ihnen nun bewusst, warum der Partner so und nicht anders reagieren muss/kann. Das eigene provokante Verhalten wird erkannt und kann jetzt kritisch reflektiert und im günstigsten Fall revidiert werden. Es kommt zu einer vollkommen veränderten Darstellung der jeweiligen Situation.

Was das Ehepaar S. angeht, so zeigt sich sehr schnell, dass beide diesem Rollenspiel nicht gewachsen sind. Immer wieder passiert es, dass sie aus der ihnen zugeordneten Position ausbrechen und ihre alte Haltung annehmen. Ich unterbreche daher das Rollenspiel.

Bei Frau S. beobachte ich, dass sie ihren Mann, ohne dass dieser vorbereitet wäre, mit Negativerfahrungen aus ihrer ersten Ehe konfrontiert. So vergleicht sie ihn unvermittelt mit ihrem ersten Mann und dessen Trinkverhalten in Bezug auf Alkohol. Herr S. ist sichtlich angegriffen und hilflos. Ich greife das Thema "erste Ehe" nun abermals behutsam auf. Erst jetzt öffnet sich Frau S. und erzählt, wie schlimm ihre erste Ehe wirklich war. Wie sie gelitten hat und wie groß ihre Angst ist, Herr S. könne genauso werden wie ihr erster Ehemann, der sich so oft betrank, dann herumschrie und sie zuletzt auch noch schlug. Wie beim ersten Mal, als ich das Thema anschnitt, verschließt sie sich spontan wieder und meint, das täte alles nichts zur Sache. Wieder beginnt sie hemmungslos zu weinen. Es wird ganz deutlich, dass Frau S. ein großes unbewältigtes Problem mit sich herumträgt und ihre schlechten Erfahrungen aus ihrer ersten Ehe auf ihren jetzigen Ehemann projiziert hat.

Während sich Frau S. langsam beruhigt, ringt Herr S. noch um Fassung.

Herr S.: Ich bin fix und fertig und meine Frau auch.

Ich entlasse das Ehepaar S. und wir vereinbaren eine weitere gemeinschaftliche Sitzung.

Wir hatten nun zahlreiche anstrengende und lange Sitzungen hinter uns. Die Informationen kamen zögernd und spärlich. Insgesamt stellte sich heraus, dass es sich nicht nur um einen Konflikt handelt, sondern um mehre, die sich zu einem gewaltigen Problemberg aufgetürmt hatten. Es wäre aus meiner Sicht dringlich erforderlich gewesen, noch weitere Sitzungen zu vereinbaren. Doch das Ehepaar S. drängte auf eine letzte Sitzung, nicht zuletzt wegen der permanenten Geldsorgen. Sie gaben mir nach den Sitzungen stets ein positives Feedback mit der Zusicherung, die gewonnenen Erkenntnisse entsprechend umzusetzen, doch ich wurde skeptisch. Eher hatte ich das Gefühl, dass sie das gerade nicht taten. Der beste Lösungsvorschlag führt nicht zum Ziel, wenn der Klient nicht wirklich selber mitarbeitet.

Ich hatte mit den Eheleuten inzwischen die positiven Merkmale herausgearbeitet, nach lösungsorientierten Ansätzen gesucht, versucht, die jeweiligen Sichtweisen zu verändern und Verhaltensmodelle zu erarbeiten. All das letztendlich ohne Erfolg?

Ich war enttäuscht. Nach dem letzten Gespräch glich die Position der einzelnen Ehepartner eher einem Betonblock und zartes Herumkratzen, um die Kanten zu entschärfen, schien aussichtslos.

Doch so leicht wollte ich nicht aufgeben.

Wir vereinbarten eine weitere Sitzung.

LÖSUNGSVORSCHLAG

Ich hatte lange überlegt, wie kann ich diesen beiden Menschen helfen, die meine Hilfe bisher so gar nicht annehmen und umsetzen konnten. Da kam mir ein recht unkonventioneller Gedanke.

Da beide Ehepartner Geschäftsleute sind, frage ich nach, wie sie in der Bearbeitung ihrer Geschäftspost vorgehen.

Frau S. ist außergewöhnlich aufmerksam: Zuerst sichte ich die Post.

Beraterin: Wie verfahren Sie weiter?

Frau S.: Reklame werfe ich sofort weg

Beraterin: Was machen Sie mit der übrigen Post?

Frau S.: Manches ist ganz wichtig. Das erledige ich gleich.

Beraterin: Was heißt das, wichtig?

Frau S.: Nun, da geht es um Zahlungstermine oder Bestellungen oder Aufträge.

Beraterin: Wie gehen Sie da vor?

Frau S.: Zuerst erledige ich die Zahlungstermine.

Beraterin: Warum?

Frau S.: Weil die am wichtigsten sind.

Beraterin: Sind Aufträge oder Bestellungen nicht so wichtig?

Frau S.: Doch, aber nicht vorrangig.

Beraterin: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, unterscheiden Sie Ihre Post nach Wichtigkeit, ist das richtig?

Frau S.: Aber ja, das ist im Geschäft immer so.

Beraterin: Herr S., verfahren Sie ebenso mit Ihrer Geschäftspost?

Herr S.: Natürlich, meine Frau ist darin besonders gut. Sie macht das immer ganz prima. Ich halte mich auch daran. Wie gesagt, im Geschäft ist das sehr wichtig.

Beraterin: Was erledigen Sie denn nicht so gerne?

Frau S. spontan: Reklamationen und Umtausch.

Herr S. stimmt dem sofort zu.

Herr S.: Manches Mal müssen Unterlagen aber nicht bearbeitet werden, die heben wir auf, wegen der Informationen darin.

Ich erlebe das erste Mal, dass beide Ehepartner plötzlich etwas gemeinsam haben. Beide gehen mit ihrer geschäftlichen Verantwortung sehr gewissenhaft um, trotz der finanziellen Engpässe. Das verblüffende daran ist, dass sich beide in diesem Punkt absolut einig sind.

Beraterin: Wenn man Ihre Post in Fächer sortieren sollte, welche Postfächer gäbe es dann?

Frau S. ganz spontan: Natürlich sehr wichtige Post, wichtige Post, Ablage, Papierkorb.

Beraterin: Das ist interessant. Besprechen Sie denn Ihre Post gemeinsam?

Frau S.: Natürlich.

Ich gehe nun in einem langen Gespräch mit dem Ehepaar noch einmal die wichtigsten Konfliktpunkte durch und fordere sie auf, die einzelnen Konflikte wie einen Posteingang zu betrachten, indem sie diese besprechen und dem jeweiligen Postkorb zuordnen. Überraschender Weise haben sie das "System" recht schnell im Griff und stimmen in der Zuordnung sogar überein.

Das heißt aber auch, dass sich die Punkte, die angesprochen wurden, reduziert haben. Einige landeten gleich im Papierkorb. Andere betrachteten sie nur als Information und konnten sie visuell in die Ablage geben. Die für sie wichtigsten Punkte ordneten sie gemeinsam den Postkörben "sehr wichtig" und "wichtig" zu. Beide waren sehr angetan von dieser recht unkonventionellen Lösungsstrategie. Doch es scheint im Endeffekt genau das gewesen zu sein, nach dem sie suchten, eine Anleitung für den "Postweg" ihrer Probleme, wenn auch in ungewöhnlicher Form. Beide versichern mir, dass sie damit wohl umgehen könnten. Dieses "System" ist ihnen vertraut, damit können sie arbeiten.

Insgesamt hätte es, wie gesagt, noch einer recht umfangreichen Gesprächsberatung bedurft, um die tiefer liegenden, noch unbewältigten Probleme aufzuarbeiten, sowohl bei Frau S. als auch bei Herrn S. Geht man aber davon aus, dass sie ja nur eine "Anleitung" brauchten, wie sie vorrangig ihre Alltagskonflikte lösen könnten, so glaube ich, ihnen hier eine gute Grundlage geboten zu haben, mit der sie umzugehen verstehen. Das System ist ihnen vertraut.

Da das Ehepaar S. offensichtlich nur auf der Geschäftsebene "erreichbar" ist, habe ich Ihnen nahegelegt, regelmäßige gemeinsame "Meetings" abzuhalten, wie dies auch schon in kleinen Firmen üblich ist, um unvollständigen Informationen und Spekulationen keine Chance mehr zu geben. Die Dinge müssen zukünftig klar definiert sein. Über Toleranz, Miteinandersprechen, sich mehr Respektieren, das eigene Verhalten überdenken usw., all das ist inzwischen, wie ich finde, von beiden schon dem Postkorb "sehr wichtig" richtig zugeordnet. Damit besitzen sie einen "Schlüssel" zur Lösung ihrer Probleme.



Als Fachliteratur empfehle ich:
Psychotherapie, Michael Wirsching, Grundlagen und Methoden, C. H. Beck Verlag
Die Zweierbeziehung, Jürg Willi, ro ro ro Verlag
Die Paartherapie, Hans Jellouschek, Kreuz Verlag
33 und eine Form der Partnerschaft, Nossrat Peseschkian, Fischer Verlag

Ursula Ries-Jacob (ehem. Clark)
Psychologische Beraterin, Leiterin für Autogenes Training, Zusatzausbildung Reiki I und II
Praxis für Psychologische Beratung
Leipziger Straße 73, 31303 Burgdorf
Telefon 05136/97 72 63 98
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