Synergie von Psychologie und Physiotherapie in der Traumatherapie

 

ARBEITSGRUNDLAGE

Um eine gemeinsame Arbeitsgrundlage zu haben, möchte ich zunächst die Entstehung von Traumata beschreiben und dann anhand der vier Traumakomponenten nach Dr. Peter Levine die geistigen, seelischen und physischen Äußerungsformen aufzeigen.

Aus dieser Einordnung ergeben sich dann eine Aufgabenverteilung und die daraus resultierende Synergie zwischen Psychologie und Physiotherapie in der Traumatherapie.

TRAUMADEFINITION

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Das Wort Trauma stammt aus dem Griechischen und bedeutet Wunde. Mit Wunde ist hier eine Verletzung sowohl im physischen als auch im emotionalen und geistigen Bereich gemeint.

Wunden entstehen dann, wenn eine zu große oder zu starke Menge an Reizen, Informationen oder Energien in zu kurzer Zeit auf den Organismus einwirken. Dieser ist dann nicht mehr in der Lage, in einem angemessenen Zeitraum die erhöhte Menge zu verarbeiten. Das heißt, dass die Reize, Informationen und Energien nicht mehr sinnvoll eingeordnet oder assimiliert werden können.

Zum Beispiel ist ein Schlag auf den Kopf eine zu hohe Menge an Druckreiz in zu kurzer Zeit. Der Organismus reagiert mit einer reflektorischen Gegenspannung der Nackenmuskulatur, um die Halswirbelsäule vor der Übertragung der Schlagauswirkung zu schützen. Diese Schutzspannung kann sich je nach Schlagstärke bis in die Schultern und Oberarme, im ungünstigsten Fall sogar auf den gesamten Muskeltonus ausweiten. Der Körper verhält sich so, als ob die Bedrohung des Schlages durch Anspannung der Muskulatur abzuwehren wäre.

Ein Beispiel für eine zu starke Dosis an Information wäre die Nachricht vom unerwarteten Tod eines geliebten Menschen. Eine Nachricht dieser Art kann extreme Gefühle von Verlust und Verlassenheit auslösen, die der Organismus nicht mehr bewältigen kann.

Beispiel für eine zu hohe Menge an Bewegungsenergie wäre das Auffahren auf einen Widerstand, wobei die Bewegungsenergie des Fahrzeugs durch den Aufprall plötzlich gestoppt wird, jedoch beim Fahrer des Fahrzeugs weiterwirkt. Die entstehende Energie der Fliehkräfte ist für die Sehnen und Muskeln der Halswirbelsäule zu groß und führt schließlich zum Schleudertrauma.

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Traumatisierung hat zur Folge, dass die natürlichen Reaktionen auf Reize, Informationen oder Energien blockiert oder ganz unterbrochen werden. Dies kann zum Beispiel für ein Vergewaltigungsopfer bedeuten, dass es ihm selbst nach Jahrzehnten nicht möglich ist, in einer bedrohlichen Situation, die auch ganz anderer Art sein kann, die Bedrohung aktiv abzuwehren, obwohl das durchaus möglich wäre.

Ich erinnere mich an eine Patientin Anfang 40. Sie war im Alter von 16 Jahren vergewaltigt worden. Mit 39 Jahren litt sie an einer schleichenden Entzündung im Unterleib. Diese Entzündung hatte sich über Monate entwickelt und hätte abgewendet werden können, wenn die Frau auf die ersten Symptome reagiert und rechtzeitig einen Arzt konsultiert hätte. Diese angemessene Reaktion auf ihre Schmerzen war ihr jedoch nicht möglich, da sie immer noch das Muster des Ausgeliefertseins lebte, das aus der früheren Vergewaltigungssituation resultierte und sich gewissermaßen auf alle bedrohlichen Situationen generalisiert hatte. Die Entzündung im Unterleib der Patientin entwickelte sich dann so weit, dass schließlich eine Notoperation vorgenommen werden musste, die ihr das Leben rettete. Das heißt, dass sie erst dann reagieren und zum Arzt gehen konnte, als es für sie um Leben und Tod ging, da die natürliche Reaktion auf den schmerzhaften Reiz der Entzündung bei ihr praktisch unterbrochen war.

Traumatisierung hat immer die folgende Struktur:

  • Da gibt es ein auslösendes traumatisches Ereignis: eine zu hohe Menge an Reizen, Informationen und/oder Energien, die auf den Organismus einwirken.
  • Aus dieser Reiz-, Informations- oder Energieüberflutung resultiert Überforderung: Die normalen Bewältigungsstrategien brechen zusammen.
  • Durch die Überforderung kann nicht mehr sinnvoll verarbeitet, eingeordnet und assimiliert werden.
  • Die Reaktionen oder Antworten auf Reize, Informationen und/oder Energien sind blockiert oder ganz unterbrochen.
  • Desorientierung ist die Folge: Es entstehen Nachwirkungen des unverarbeiteten Traumas, die als posttraumatische Belastungsstörungen bezeichnet werden.

Es wird zwischen akuten und posttraumatischen Störungen unterschieden. Ich möchte mich zunächst auf die akuten vier Traumakomponenten nach Dr. Peter Levine beschränken, um anhand derer die Synergie und die daraus resultierende Aufgabenverteilung zwischen Psychologen und Physiotherapie zu erläutern.

DIE VIER TRAUMAKOMPONENTEN NACH DR. PETER LEVINE

In seinem Buch "Trauma-Heilung" beschreibt Dr. Peter Levine vier Traumakomponenten, die den Kern der traumatischen Reaktion bilden:

1. Außergewöhnlich starker Erregungszustand (hyperarousal)
Der außergewöhnlich starke Erregungszustand ist gekennzeichnet durch folgende Symptome: Beschleunigung der Herz- und Atemfrequenz, Angespanntheit in Muskulatur und Bindegewebe, inneres Zittern, Fahrigkeit, Gedankenrasen, Übelkeit, Angst und Panikanfälle.

2. Psychophysische Kontraktion und Erstarrung
Sie ist gekennzeichnet durch eine andauernde Kontraktion der Muskulatur, verbunden mit einer Einschränkung der Wahrnehmung, einer veränderten Atmung und einem erhöhten Muskeltonus. Um der Muskulatur mehr Blutzufuhr zu ermöglichen, verengen sich die Blutgefäße in der Haut und in den Extremitäten. Die Intensität der Erstarrung ist ein wichtiger Parameter beim Einschätzen der Schwere eines Traumas: Je stärker die Erstarrung, desto schwerer die Traumatisierung.

3. Immobilität
Immobilität in Verbindung mit einem Gefühl von Hilflosigkeit hängt sehr eng mit der Erstarrungsreaktion zusammen und ist der eigentliche Schlüssel zum Verständnis von Traumata. Immobilität bedeutet gleichzeitig ein Eintreten in einen anderen Bewusstseinszustand, in dem das Traumaopfer sozusagen schmerzfrei ist. Auch die Stärke der Immobilität ist ein wichtiges Kennzeichen für die Schwere der Traumatisierung. Die Immobilität kann so weit gehen, dass willentliches Bewegen nicht mehr möglich ist; im ungünstigsten Fall kann dies bis zum Atemstillstand führen, der dem Sichtot- Stellen in der akuten Bedrohungssituation gleichkommt. Bei einer Immobilität dieser Intensität muss der Therapeut von einem Trauma mit Lebensbedrohung ausgehen.

4. Dissoziation
Das ist ein Zustand, bei dem das ganzheitliche innere Empfinden gestört oder vollständig unterbrochen ist. Dissoziation kann als strukturelle Aufspaltung mentaler Prozesse beschrieben werden, bei der es zur Abspaltung von Wahrnehmung, Bedeutung, Gefühlen, Sinn, Verhalten und Erinnerung oder gar von Teilen der Identität kommen kann. Da in der Dissoziation die sensorischen Messfühler gestört und die kognitive Verarbeitung der sensorischen Daten unterbrochen sind, geht mit diesem Zustand immer auch eine Orientierungslosigkeit einher. Es fehlen gewissermaßen die Daten, oder sie werden falsch interpretiert, die notwendig sind, damit man sich koordiniert bewegen und verhalten kann.

Die leichte Form der Dissoziation ist die Benommenheit, wie sie beispielsweise nach einem relativ harmlosen Auffahrunfall auftreten kann, der einen leichten Schockzustand auslöst. Die Benommenheit drückt sich hier in einer kurzweiligen Orientierungslosigkeit aus. Das Gefühl für die Mittellinie des Körpers und dadurch für die Koordination von rechts und links sowie oben und unten ist vorübergehend gestört.

Die gravierendste Form ist die dissoziative Identitätsstörung, früher bekannt als multiple Persönlichkeitsstörung. Diese extreme Form der Dissoziation ist meist mit Traumatisierungen im Zusammenhang mit Lebensbedrohung verbunden – oder mit Missbrauchsbzw. Misshandlungserfahrungen über längere Zeiträume hinweg.

Dissoziation hat in der akuten traumatischen Situation eine positive Funktion. Diese Funktion wird in einem Zitat von Woody Allen deutlich: "Ich habe keine Angst davor zu sterben. Ich möchte nur nicht dabei sein, wenn es passiert."

"Dissoziation schützt das Individuum vor dem Erleben des Todesschmerzes oder mildert das Erleben des traumatischen Geschehens ab. Dissoziation ist eine Art Flucht des Geistes, die initiiert wird, wenn ein körperliches Entkommen nicht mehr möglich ist." (Loewenstein, 1993 ).

In der akuten Bedrohungssituation bedeutet Dissoziation also Schmerzlinderung oder gar Betäubung. Wird dieser Zustand jedoch im alltäglichen Leben chronifiziert, kann dieses zur Hölle werden. Hier liegt einer der wichtigsten Faktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung der posttraumatischen Belastungsstörung.

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ERLÄUTERUNG ZUR TABELLE

In der oben aufgeführten Tabelle werden die vier Traumakomponeten unter den gedanklichen, psychischen und physischen Äußerungsformen eingeordnet. Dadurch wird eine Übersicht über die Aufgabenverteilung in der Traumatherapie ersichtlich. Im Rahmen dieses Artikels kann dies nur exemplarisch sein.

Grundsätzlich können wir davon ausgehen, dass alles Seelische und Gedankliche sich auch auf der physischen Ebene somatisiert.

In der Traumatherapie muss in jedem Einzelfall genau beobachtet werden, wie eine Neutralisierung aller Ebenen erreicht werden kann, um so eine vollständige Heilung herbeizuführen.

Ein Trauma ist erst dann vollständig verarbeitet, wenn die blockierte Traumaenergie auf allen drei Ebenen, der gedanklichen, der emotionalen und der körperlichen Ebene, gelöst ist. Der Psychologe therapiert dabei auf der gedanklichen und emotionalen Ebene, während der Physiotherapeut die körperliche Ebene behandelt. Sicher lassen sich diese drei Ebenen nicht immer trennen. Jedoch hat jede Berufsgruppe ihren eigenen Ansatz, ihre eigene Vorgehensweise und Kompetenz. Dies ist beim Psychologen die seelische und beim Physiotherapeuten die körperliche Ebene.

Ich wünsche mir, dass beide Berufsgruppen verstärkt in Kommunikation gehen, dabei ihre eigenen Kompetenzen erkennen und zum Wohle der Patienten einsetzen. Dies bedeutet aber auch, seine eigenen Grenzen anzuerkennen und an die jeweils andere Berufsgruppe zu delegieren, wenn die eigene Grenze des therapeutischen Handelns erreicht wird.

Heilung für den traumatisierten Menschen ist erst dann erreicht, wenn Körper, Seele und Geist als Einheit zusammenschwingen. Dies wird nur durch interdisziplinäre Zusammenarbeit möglich.

 


Bernhard Kern
79312 Emmendingen, Keplerstr. 30/2
Telefon 07641/ 91 55 08, Fax 91 55 24
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www.kern-migraenetherapie.de

Praxis als med. Masseur u. Körpertherapeut Schwerpunkt: Migränetherapie, Traumaheilung und kinästhetische Anatomie Dozententätigkeit im In- und Ausland Autor des Lehrbuches "Migränetherapie nach Kern – Wie der Körper Schmerzfreiheit lernt" VAK Verlag, Audiomed CD "Migräne heilen durch Bewegung", Selbstverlag