Integrative Diagnose und Therapie bei hyperaktiven Kindern

Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsdefizite bei Kindern scheinen mit zu den wichtigsten gesellschaftlichen Themen der letzten Jahre zu gehören, wenn nicht nur Fachmagazine sie zum Titel machen wie die „Psychologie heute" (Heft 12/2001 „Wenn Unachtsamkeit zum Problem wird") sondern auch Populärzeitschriften wie der „Spiegel" (Heft 29/02 „Das Zappelphillip-Syndrom - Wann sind Kinder psychisch krank?")

Landauf landab finden Elternabende, Selbsthilfegruppentreffen, Informationsveranstaltungen und medizinische und pädagogische Kongresse zu dieser Problematik statt. Keine seelische Störung wird derzeit bei Kindern und Jugendlichen häufiger diagnostiziert als AD(H)S, die Unfähigkeit sich längere Zeit und gezielt auf eine Sache zu konzentrieren - meist gekoppelt mit Impulsivität, unüberlegtem und unorganisiertem Handeln und mehr oder weniger stark ausgeprägtem Bewegungsdrang. Dabei sind die Diagnosekriterien in der Praxis eher unscharf, werden von Eltern, Lehrern und Ärzten „normal" lebhafte Kinder viel zu oft und viel zu schnell als „hyperaktiv" etikettiert, auch wenn sie z.B. nur eines der vier Leitsymptome zeigen wie z.B. (nach ICD- 10):

  • überstarke motorische Unruhe (rastlos, zappelig, fahrig)
  • überschießende kognitive Impulsivität (Handeln schneller als Denken)
  • verkürzte Ausdauer und Aufmerksamkeitsspanne (jedoch nicht bei faszinierenden Beschäftigungen!)
  • Emotionale Labilität, Stimmungsschwankungen

Diese vier Symptome müssen gemeinsam auftreten, um die Diagnose AD(H)S' (Aufmerksamkeits-Defizit und Hvperaktivitäts -Syndrom) zu rechtfertigen; nicht jedes Kind, das gewisse Konzentrationsschwierigkeiten oder Stimmungsschwankungen hat, ist seelisch krank und behandlungsbedürftig! Der Kinderarzt Dietrich Schultz glaubt sogar: „ADHS ist insgesamt ein Konstrukt. Damit wird ein Verhalten von Kindern erklärt, das unsere Gesellschaft hervorgebracht hat ... Man stülpt da einer ganzen Kindergeneration etwas über." Und er hält (im „Spiegel" 5.124) die alleinige Gabe von Medikamenten (i.d.R. „Ritalin") ohne begleitende sonstige Therapie wie viele andere Fachleute auch für „einen ärztlichen Kunstfehler': In seinem neuen Buch „Die Ritalin-Gesellschaft: ADS - Eine Generation wird krankgeschrieben" zeigt der Forscher Richard DeGrandpre auf, „wie der Beschleunigungswahn in unserer Gesellschaft und die Vergabe von Ritalin miteinander zusammenhängen, welche Interessen dabei verfolgt werden und welche Folgen dies für unsere Kinder hat" (Psychologie heute, Heft 9/2002). Schon vor 12 Jahren forderten der Pädagogikprofessor Reinhard Voß und die betroffene Mutter Ursula Wirtz „Keine Pillen für den Zappelphillip!" und zeigten in ihrem gleichnamigen Taschenbuch (Neuauflage 2000) alternative Wege zum Umgang mit den Kindern, die oft seismographisch die Spannungen in ihrer Familie und sonstigen Umfeld zeigen. Gleichwohl nahmen die Verordnungen des Wirkstoffs „Methylphenidat" im selben Zeitraum um das Vierzehnfache zu. Allein von 1995 bis 2000 stieg in Deutschland der Absatz von Ritalin, das eigentlich ein Aufputschmittel darstellt und wie Morphium und dessen Derivate unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, um mehr als das Vierzigfache, von 0,7 Millionen auf 31 Millionen Tabletten! Von einer „verheerenden Verschreibungspraxis" berichten FAZ, Stern und Spiegel: Hierzulande verordnen Gynäkologen und Zahnärzte Ritalin, deren Patientinnen von unruhigen, nervenzehrenden Kindern berichten, ohne das Kind je gesehen zu haben. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung sah sich im April diese Jahres genötigt, hier einzugreifen und mit der Bundesärztekammer zu vereinbaren, Kindern unter sechs Jahren keine entsprechenden Präparate und bei älteren Kindern höhere Dosen nur noch zusammen mit einer anderen geeigneten Therapie zu verordnen. Ich will hier auf die Aus- und Nebenwirkungen der noch immer gängigen Medikamentengaben nur kurz eingehen; bekannt sind: Schlaflosigkeit und Muskelzuckungen, Kopf- und Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust (und das in der wichtigen Wachstumsphase der Kinder!) sowie Traurigkeit, Ängstlichkeit und Depressionen. Der Neurobiologe Gerald Hüther von der Uni Göttingen warnte im März 2002 vor möglichen Spätfolgen: Der Wirkstoff Methylphenidat behindere das Wachstum der Nervenverbindungen in den die Bewegung steuernden Regionen des Gehirns. Das könne später der Parkinsonkrankheit Vorschub leisten. Der Wirkstoff greift offenbar in den Dopamin-Stoffwechsel ein, ohne daß man genau weiß wie. Obwohl das Medikament seit 40 Jahren in Gebrauch ist, gibt es noch keine schlüssige Erklärung dafür, warum dieses Aufputschmittel bei vielen betroffenen Kindern eine paradoxe, nämlich beruhigende Wirkung hat. Allerdings ist diese auf wenige Stunden begrenzt, was praktisch bedeutet, daß die Kinder nur solange „funktionieren", wie sie ihre Pillen nehmen. Dazu schreibt Dr. Peter R. Breggin in www.ritalinkritik. de: „Unsere Gesellschaft hat Drogenmissbrauch unter unseren Kindern legalisiert. Noch schlimmer, wir mißbrauchen unsere Kinder mit Drogen, statt die Anstrengung auf uns zu nehmen, bessere Wege herauszufinden, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Auf lange Sicht erteilen wir damit unseren Kindern eine ganz schlechte Lektion - dass Drogen die Antwort auf emotionale Probleme sind. Wir ermutigen eine Generation von jungen Menschen aufzuwachsen, indem sie auf psychiatrische Drogen angewiesen sind, statt auf sich selbst und weitere menschliche Ressourcen." Wie sieht es aber nun mit Alternativen und ergänzenden Therapieformen zur Ritalinbehandlung aus? Welche Möglichkeiten ergeben sich für ratsuchende Eltern und hilfesuchende Kinder? Es scheint: bislang nicht viele - schaut man sich z.B. die schulpsychologische Versorgung an: „Zur Zeit gibt es im gesamten Braunschweiger Regierungsbezirk 20 Schulpsychologen. Das bedeutet ein Psychologe für 16.000 Kinder." (Braunschweiger Zeitung vom 17.04.02) In anderen Regionen unserer Republik steht es mit der Versorgungslage nicht besser! Zudem gibt es relativ wenige Fachleute, die sich mit dieser Problematik wirklich auskennen. Das folgende interative Diagnose- und Therapiekonzept, das in den letzten sieben Jahren in unserem „Zentrum für Angewandte Kinesiologie" entwickelt wurde, möchte deshalb zur Aufklärung beitragen und allen Kolleginnen Hilfestellung bieten, die sich um betroffene Kinder und Eltern bemühen. Grundsätzlich sind noch zwei Aspekte zu bedenken, bevor wir in die Einzelheiten gehen: Erstens ist zu klären, inwieweit und inwiefern ein vorgestelltes Kind bzw. eine sich meldende Familie „gestört" ist. An welchen Normen, an welchen Maßstäben von „Normalität" und „Abweichung", von „Gesundheit" und Krankheit" wird hier gemessen? Und von wem? - Brigitte Henke, Heilpraktikerin und Initiatorin einer Selbsthilfegruppe und Beratungsstiftung in Berlin, schreibt dazu aus ihrer Erfahrung: „Wir erkennen, daß vielen Menschen mit ADS/H eine besondere Fähigkeit zu fast grenzenloser Hellfühligkeit/Weitwinkel- Aufmerksamkeit zu eigen ist, auf die unsere Gesellschaft ignorant reagiert. Den unbestreitbar objektiv und subjektiv erlebten Defiziten und Empfindsamkeiten ADS/H Betroffener stehen sehr kreative und sehr bemerkenswerte Sonderbegabungen gegenüber. Alle Betroffenen fühlen sich in diesen Sonderbegabungen zumeist nicht wahrgenommen und/oder nicht unterstützt." (vgl.,,Resonanzen" Heft 8/2002, hrsg. von der „Deutschen Gesellschaft für Alternative Medizin") Wie zu Beginn jedes Beratungskontaktes haben wir als verantwortliche Therapeuten auch hier genau die Hilfswünsche der Beteiligten, den Beratungsauftrag und den „Überweisungskontext" zu klären: Was wollen die Eltern für ihr Kind, was will das Kind selbst, was wollen ggf. die Institutionen (Kindergarten, Schule usw.), auf deren Empfehlung oder Druck die Familie sich bei uns meldet? Und welchen Auftrag wollen und können wir annehmen, ohne uns zum Erfüllungsgehilfen gesellschaftlicher und institutioneller Normen zu Lasten des ohnehin schon unter Mißverständnissen und sozialen Benachteiligungen leidenden Kindes zu machen? Zweitens ist zu bedenken daß - wie bei jeder anderen Auffälligkeit oder „Störung" auch - gleiches Verhalten oder ein gleiches Erscheinungsbild sehr unterschiedliche Ursachen haben kann, und daß natürlich je nach Diagnose auch unterschiedliche Maßnahmen oder Therapien notwendig sind. Nun weiß man über die genauen Ursachen von Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsdefiziten letztlich wenig. Von Allergien bis Zinkmangel wird alles Mögliche verdächtigt: Darmmykosen und Elektrosmog, Erziehungsdefizite und Familienkonflikte, Geburtstraumata und genetische Faktoren, Impfschäden und Medikamentenreste, Neurotransmittermangel und Phosphatunverträglichkeit, Reflexstörungen und Schulphobie, Überforderung und Unterzuckerung, Wahrnehmungsfehler und Wasseradern.

Oft sind die Treffen von Selbsthilfegruppen in dieser Hinsicht sehr ergiebig, weil die Eltern natürlich genaue Beobachter und Forscher sind. (Die blinden Flecken im eigenen Fall werden durch die Gruppenkreativität meist wettgemacht!) Die Erfahrung zeigt: alles kann im Einzelfall eine Rolle spielen - manchmal als der entscheidende Auslöser, manchmal als ein Faktor unter mehreren. Denn in der Regel kann unser Organismus in seiner Gesamtheit von Körper, Seele und Geist sehr viele Belastungen und Störungen kompensieren, bis „das Faß überläuft" - sprich: sich Symptome zeigen. Die ganzheitliche Methode der Psychosomatischen Kinesioloqie hat sich nun in unserer Praxis als besonders geeignet herausgestellt, vermutete Ursachen zu überprüfen und auch bislang gänzlich unbekannte Ursachen ausfindig zu machen. Der Muskeltest als Kommunikationsbrücke zum Unbewußten und Körper der Testperson - des Kindes und/oder der Eltern - entschlüsselt in der Regel in kurzer Zeit die entscheidenden Ursachen, Auslöser und Verstärker hyperaktiven Verhaltens. Dabei ist ein respektvoller und achtsamer Umgang mit allen Beteiligten selbstverständliche Voraussetzung: niemand kann gegen seinen Willen kinesiologisch getestet werden; wir holen immer die ausdrückliche Erlaubnis auch des betroffenen Kindes ein. Weiter geht es nie darum, mit der Feststellung von ursächlichen Zusammenhängen irgendjemanden zu „beschuldigen", denn Schuldvorwürfe helfen niemandem und lassen eher die Situation noch eskalieren. Als Entscheidungshilfe für das Setting hat sich für mich bewährt, zunächst das vorgestellte Kind zu interviewen, inwieweit es selbst unter seinem Verhalten bzw. der Unfähigkeit, sein Verhalten zu steuern, leidet. Ist das der Fall, sind die Kinder auch selbst motiviert, so daß ich nach der allgemeinen Anamnese mit der kinesiologischen Untersuchung beginnen kann. Ist das aber nicht der Fall, beginne ich mit den Eltern und exploriere ihre (möglicherweise überzogenen) Erwartungen an das Kind, die Entwicklung der partnerschaftlichen und familiären Situation, besondere Erziehungs- und Schulkonflikte usw. Wir haben schon mehrfach erlebt, daß nur durch die Behandlung der Eltern die Symptomatik der Kinder völlig verschwand! Haben wir die Erlaubnis zum Testen, können wir die weiteren Fragestellungen am sog. „Dreieck der Gesundheit" orientieren - einem Denkmodell das der „Gründervater" der Angewandten Kinesiologie, Dr. George Goodheart, eingeführt hat. Die „strukturelle" Seite unseres Organismus umfaßt dabei unsere Muskeln, Sehnen, Knochen, Gelenke, Wirbel, Organe, Drüsen usw. Die „biochemische" Seite umfaßt sämtliche Prozesse, die die „Struktur" zum Leben bringen, wie: Atmung und Verdauung, Stoffwechsel der Hormone, der Neurotransmitter usw. Die „psychisch-mentale" Seite umfaßt schließlich all das, was unser Menschsein letztlich ausmacht: unsere Gedanken und Gefühle, unsere Wünsche und Befürchtungen, unsere Bedürfnisse und Überzeugungen. Als das verbindende Element sah Goodheart das „Meridiansystem" - entlehnt aus der chinesischen Medizin - an: Durch die Meridiane fließen die „Lebensenergie" (Chi) und mit ihr die steuernden Informationen. Eine Behandlung über das Meridiansystem, z.B. in Form von Akupunktur oder Akupressur, ist daher stets eine „ganzheitliche" Behandlung. Ich habe nun diese Grundfigur des „Dreiecks der Gesundheit" abgewandelt und benutzt, um die Testfragen nach möglichen Ursachen hyperaktiven Verhaltens sinnvoll gliedern zu können. Ebenso habe ich die unterschiedlichen Therapieformen danach gegliedert, auf welcher Seite des „Dreiecks der Gesundheit" ihre Haupteinwirkungsrichtung liegt. Dabei ist natürlich umfangreiches Wissen aus der medizinischen, psychologischen und pädagogischen Forschung und Erfahrung eingeflossen. Beginnen wir bei der Strukturellen Ebene: Selbstverständlich können genetische Faktoren eine Rolle spielen, nicht selten entdeckt man bei genauerem Nachfragen auch bei Eltern oder anderen Verwandten ähnlich „chaotische" Verhaltens- und Organisationsmuster wie:
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Unordnung, Vergeßlichkeit, Unpünktlichkeit, Leichtsinnsfehler, ewiges Aufschieben von wichtigen Erledigungen, Entscheidungsschwäche, emotionale Überreaktionen, hochimpulsive Äußerungen und sprunghaftes Handeln. Während man früher davon ausging, Hyperaktivität wachse sich mit der Pubertät aus, ist die Forschung heute überzeugt: etwa zwei bis sechs Prozent der Erwachsenen leiden unter der äußerst überdauernden und mit höchster Wahrscheinlichkeit ererbten Kernsymptomatik von ADHS, einer extremen Reizoffenheit sowie Impulssteuerungsschwäche. (vgl. Cordula Neuhaus, Eine andere Art, die Welt zu sehen, in: Psychologie heute, Heft 12/01, S. 34). Viele Erwachsene können diese Probleme im (beruflichen) Alltag lediglich besser kompensieren als die Kinder, die der starken sozialen Kontrolle der Schule unterliegen. Allerdings gestaltet sich das Privatleben der betroffenen Erwachsenen für sie selbst und ihre Partner durch ihre Symptomatik oft genauso anstrengend wie das Zusammenleben mit einem ADS-Kind. (Vgl. ADS. Das Erwachsenen -Buch von Dieter Claus, Elisabeth Aust-Claus und Petra-Marina Hammer, Ratingen 2002) Neben Erbfaktoren können eine besondere Sensibilität des Nervensystems bei bestimmten Menschen eine Rolle spielen. Diese individuellen Faktoren können konstitutionell bedingt oder im Laufe der vor- und nachgeburtlichen Entwicklung erworben worden sein. Sie sind zwar durch Therapieverfahren wie z.B. die Sensorische Integration oder andere Formen der Erqotherapie in gewisser Weise beeinflussbar, bleiben aber in der Regel Gegebenheiten, mit denen die Betreffenden und ihre Angehörigen leben lernen müssen - und dies von Anfang an: „Babys mit ADD (ADS/H) Disposition bringen eine eigene Lebensintensität und einen eigenwilligen Rhythmus mit in die Familie; sie ahmen nicht, wie andere Kinder, die sozialen Angebote der Eltern und Ge schwister sowie der Menschen aus dem allgemeinen familiären und sozialen Umfeld nach, sondern deren dahinter liegende - nicht sichtbaren Lebensgefühle. Sie spüren mit ihrer seelischen und körperlichen Reizoffenheit sowohl physisch als auch psychisch jede Irritation im Rhythmus und in der Beziehungs-Struktur zur Mutter, zum Vater, zu Geschwistern und zur Umwelt, wie z.B. auch zur Hebamme oder zum Arzt." (B. Henke, „Aufmerksamkeitsstörung" in „Resonanzen" Heft 8/2002, S.3) Geburtstraumata oder später erlittene Unfälle stellen nicht selten eine der Hauptursachen für das ADHS-Syndrom dar. Regelmäßig sollten die Eltern daher nach dem Verlauf von Schwangerschaft und Geburt gefragt werden. Aber selbst wenn Mütter von „wunderbaren" und völlig komplikationslosen Entbindungen schwärmen, heißt das noch lange nicht, daß die Entbindung für das Baby genauso „leicht" war! Kinesiologische Untersuchungen zeigen vielmehr, daß bei betroffenen Kindern der Geburtsstress oft wirklich noch im System steckt, z.B. in Form des „KISS-Syndroms" Bei „Kopfgelenkinduzierten Symmetrie-Störungen" handelt es sich um Entwicklungsstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter, für welche die obere Halswirbelsäule als Verursacher im Mittelpunkt steht. Diese Entwicklungsstörungen gehen weit über Probleme des Bewegungsapparates hinaus. Als Spätfolgen übersehener KI-Symmetriestörungen im Kleinkindalter erscheinen neben dem kindlichen Kopfschmerz Wahrnehmungsstörungen mit ihren Konsequenzen wie Lern- und Schulschwierigkeiten, Schwächen im Bereich der Fein- und Grobmotorik, Koordinations- und Kooperationsprobleme und eben Hyperaktivität - so Dr. med. H. Biedermann, Arzt für Chirotherapie in Dortmund. Die meist einfache und effektive Behandlung erfolgt durch eine gezielte Manualtherapie. Bei anderen Kindern wiederum liegt die Hauptursache für ihre Bewegungsunruhe und Konzentrationsschwäche in einem unausgereiften „Symmetrisch Tonischen Nacken - Reflex" (STNR), einem automatischen Bewegungsmuster, das sich zwischen dem vierten und achten Lebensmonat ausbildet und sich normalerweise durch weitere Bewegungserfahrungen, insbesondere das Erlernen des Krabbelns wieder verliert. Bei einer Reihe von Kindern bleibt aber dieser Reflex aktiv, so daß sie Schwierigkeiten in der Koordination von oberer und unterer sowie linker und rechter Körperhälfte behalten. Wie diese Störung diagnostiziert und durch ein spezielles Übungsprogramm überwunden werden kann, schildern die beiden Krankengymnastinnen Nancy O'Dell und Patricia Cook anschaulich in ihrem Buch „Phillip zappelt jetzt nicht mehr" (VAKVerlag Freiburg). Ein anderes Beispiel aus meiner Praxis: Bei einem 14jährigen Jungen, der sich im Verlauf des letzten Schuljahrs nicht nur in seinem Notendurchschnitt drastisch verschlechtert sondern auch in seinem Verhalten gegenüber Mitschülern und Lehrern, Geschwistern und Eltern dramatisch verändert hatte, stellte sich als Ursache nicht - wie allgemein vermutet - „die Pubertät", sondern ein Fahrradunfall in den letzten Sommerferien heraus. Dessen Folgen auf das Gesamtsystem (Struktur/Biochemie/Psyche) konnten mit einer speziellen kinesio - logischen Behandlung nach den „N.I.C.E. -Protokollen" des australischen Kollegen Peter Erikson in wenigen Sitzungen wieder aufgehoben werden. (N.I.C.E = Neural Integration Control & Enhancement) In anderen Fällen erwei-sen sich hier wie auch bei sonstigen Beeinträchtigungen der Reflexe und der Sinnesorgane die Crania-Sacral-Therapie oder die Brain- Gvm-Übungen nach Dr. Paul Dennison als äußerst hilfreich, Koordinations- und Konzentrationsfähigkeiten zu fördern bzw. wiederherzustellen, vor allem dann, wenn durch ent-sprechende fachärztliche Untersuchungen Augenschwächen und Fehlsichtigkeit, Schwerhöriqkeit oder Störunqen der Zentralen Hörverarbeitung usw. ausgeschlossen wurden. Denn solche Handicaps führen naturgemäß zu Fehl - wahrnehmunqen und –interpretationen und / oder zu geistig-seelischen Überforderungen, die sich nach außen hin als Hyperaktivität darstellen. An dieser Stelle soll noch einmal ausdrücklich auf die Rolle von elektrobioloqischen Störfaktoren aufmerksam gemacht werden, die sich – besonders bei Kindern - oft unmittelbar auf das Nerven- und Wahrnehmunssystem auswirken: angefangen bei geopathischen Belastungen (vor allem am Schlafplatz), über Handy- und Computerabstrahlung bis hin zu übermäßigem Fernsehkonsum, wobei die Inhalte des so „Konsumierten" die seelische Verarbeitungsfähigkeit vieler Kinder zusätzlich strapazieren. Damit kommen wir auf die nächste, die www.traebert-materialien.de ) Die psychologische Kinesiologie bietet hervorragende Werkzeuge, um z.B. mithilfe verschiedener Test-Schemata, Stichwortlisten und Fragebögen schnell und genau herauszufinden, welche seelischen Belastungen und Verstrickungen einem Kind zu schaffen machen. Dabei kann es sich mal mehr um innerseelische Konflikte handeln, mal mehr um innerfamiliäre. Geschwisterrivalität oder seelische Vernachlässigung, Spannungen zwischen den Eltern oder - nicht selten - zwischen den Familien der Eltern, besondere Lebensereignisse (Umzug, Trennung, Tod) oder besondere Familiengeheimnisse (bis hin zum sexuellen Mißbrauch) verstören Kinder so, daß sie gestört erscheinen. Wie soll sich z.B. ein Kind auf Schule und Lernen konzentrieren können, wenn es während des Vormittags Angst haben muß, daß seine depressive Mutter sich etwas antut oder - in einem anderen Fall - daß sein Vater seine Schwester wieder vergewaltigen könnte? Die Last, die Kinder tragen, ist oft unvorstellbar! Dabei sind überzogene Leistungserwartungen zwar relativ häufig, aber letzten Endes noch relativ harmlos. Nicht zu unterschätzen ist der Streß, den Schule und Unterricht selber produzieren, weil unser Bildungssystem insgesamt - bei allem guten Willen und Einsatz vieler Lehrkräfte - wenig kindgerecht gestaltet ist und die meisten Lernformen zumindest den „rechtshirndominanten", d.h. den kreativen, künstlerisch begabten, ganzheitlich denkenden und bewegungs-orientierten Schülern nicht gerecht werden. (Vgl. Barbara Meister-Vitale: Lernen kann phantastisch sein, Gabal-Verlag) Die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen zum Problem haben ja längst gezeigt, was auch die alltägliche Beobachtung beweist: ADHS-Kinder sind nicht weniger intelligent als andere, oft in einigen Bereichen sogar überdurchschnittlich begabt! (Vgl. Dawna Markova, Wie Kinder lernen, Eine Entdeckungsreise für Eltern und Lehrer, Freiburg 2000) Therapeutisch geht es in diesem Feld in der Regel um Unterstützung für beide: Eltern und Kinder. Dabei bringen in der Einzeltherapie z.B. Bachblüten-Essenzen oder speziell gewählte Homöopathika (meist Hochpotenzen) ergänzend zur kinesiologischen Stressbalance und zu begleitenden Elterngesprächen oder Elterntrainings rasche Erfolge - und dies ohne Ritalin, bzw. auch nur dann, wenn die Ritalineinnahme beendet wird. (Vgl. Judyth Reichenberg-Ullmann/Robert Ullmann, „Es geht auch ohne Ritalin", Reichenberg-Verlag) In anderen Fällen bedarf es intensiver Familientherapie, um Druck und „Delegationen" vom Symptomträger zu nehmen. Für andere Familien wieder sind verhaltenstherapeutischer Programme hilfreicher, um eingeschliffene und alle Beteiligten belastende Alltagsrituale aufzulösen und durch konstruktive Umgangsformen zu ersetzen. (Vgl. Detlef Träbert, „Umgang mit ADS-Kindern" Script in der Reihe „träbert pädagogische materialien", Köln 2002, www.traebert-materialien.de) Auch Familienaufstellungen nach B. Hellinger können manchmal eine sehr befreiende und nachhaltige Wirkung haben. Kommen wir zur dritten, der biochemischen Ebene, wobei sie nicht unabhängig von der eben besprochenen zu sehen ist, weiß doch z.B. jeder Allergiker, daß das Ausmaß seiner Beschwerden in der Regel auch von seiner psychischen Verfassung abhängig ist. Relativ häufig spielen bestimmte Allergien und Unerträglichkeiten bei den Betroffenen eine entscheidende Rolle, die das „Faß" immer wieder zum Überlaufen bringen. Vielleicht haben wir es dann weniger mit den „Ursachen" zu tun, die möglicherweise mehr im strukturellen oder emotionalen Bereich liegen, als vielmehr mit den „Auslösern" und den „Verstärkern" So ist es erklärlich, daß bestimmte Weglaß-Diäten (z.B. die vor einigen Jahren bekanntgewordene „Phosphat-Diät") wenigstens für einen Teil der Kinder funktionieren, d.h. ihnen ein erwünschtes Verhalten ermöglichen. Ebenso kann man sich bei einer ganzheitlichen Betrachtungsweise vorstellen, daß eine Intervention auf der biochemischen Seite, z.B. durch die Gabe bestimmter Vitamine, Glutamine, Mineralien und Spurenelemente, das Dreieck der Gesundheit insgesamt mehr ins Lot bringt und dem Organismus ermöglicht, besser mit alten und neuen Stressoren umzugehen. Der kinesiologische Muskeltest als diagnostisches Leitinstrument bringt jedenfalls mithilfe entsprechender Substanzproben schnell ans Licht, ob und ggf. welche biochemischen Faktoren für die Symptomatik der ADHS eine Rolle spielen. In Bezug auf die sog. „maskierten Allergien" sei hier dringend das Buch von Prof. Doris Rapp „Ist das Ihr Kind? - Versteckte Allergien aufdecken und behandeln" empfohlen (Medi-Verlag, Hamburg 1996), in dem sie schulmedizinisch nachprüfbar zeigt, wie mitunter unsere Hauptnahrungsmittel (Milch, Getreide, Eier) oder unsere Lieblingsspeisen (Schokolade, Ketchup...)

 

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oder bestimmte Aroma-, Farb- und Konservierungsstoffe Allergien auslösen, die sich nicht unbedingt auf der Haut oder Schleimhaut zeigen, sondern sich im Darm, im „Bauchhirn", oder im zentralen Nervensystem abspielen und unsere Stimmungen, Steuerungsfähigkeit und unser Verhalten massiv beeinflussen. Wir konnten nach diesem Konzept und mithilfe einer kinesiologischen Allergiebalance jedenfalls schon vielen Kindern helfen, die dann auch freiwillig ein paar Wochen oder Monate auf bestimmte Nahrungsmittel verzichten, wenn sie die wohltuende Wirkung dieser Diät bzw. manchmal einen „Rückfall" in alte Verhaltensmuster bei einem Diätfehler erlebt hatten! Bei anderen Kindern wiederum spielen nicht ausgeheilte Virusinfektionen, Herde und Störfelder im Körper, Vergiftungen (Amalgambelastungen) oder Impfschäden eine Schlüsselrolle. Sie bedürfen dann einer entsprechenden Ausleitungs-, Immunstärkungs- oder Neutralisierungstherapie durch naturheilkundliche Ärzte oder Heilpraktiker, wobei sich auch bestimmte homöopathische Mittel (meist Niedrigpotenzen) und Phytopharmaka bewährt haben. (Vgl. Dr. Vera Rosival, „Die Familie und das hyperaktive Kind - Behandlungskonzepte", RosivalVerlag, München). Zuletzt werfen wir - auf der biochemischen Ebene - noch einen Blick auf den Hormonstoffwechsel, der naturgemäß bei Mädchen und Frauen größeren Schwankungen unterliegt und sich ohnehin auf die Grundstimmung und das Verhalten auswirkt. Zwar sind die überwiegende Anzahl der wegen ADHS vorgestellten Kinder männlichen Geschlechts, aber wahrscheinlich nur, weil sie sich häufig aggressiver und sozial auffälliger verhalten. Mädchen entwickeln nach außen hin andere Verhaltensweisen, zeigen sich eher „hypo-aktiv" bis depressiv und brauchen von daher andere unterstützende Maßnahmen. Der Hormonschub der Pubertät bringt jedoch einige so aus dem Gleis, daß auch hier kompetente therapeutische Hilfe für sie und ihre Familien viel Leid verhindern kann. (vgl. dazu die sehr empfehlenswerte Broschüre „Bin ich anders? Mädchen und Frauen mit ADS", zu beziehen nur über „Juvemus" Vereinigung zur Förderung von Kindern und Erwachsenen mit Teilleistungsschwächen e.V., Emser Str. 6, 56076 Koblenz.) Ich hoffe, daß ich mit dieser Übersicht deutlich machen konnte, wie komplex die Problematik der Hyperaktivität ist, und daß jede einseitige Betrachtung und Behandlung den betroffenen Kindern und Eltern nicht gerecht wird. Ich hoffe aber auch, allen KollegInnen Mut gemacht zu haben, sich in diese spannende Thematik einzuarbeiten, um dem großen Bedarf an qualifizierter Hilfe auf diesem Gebiet entsprechen zu können!

Dr. Werner Weishaupt Heilpraktiker und Dozent für Psychotherapie