Fallstudien aus der Praxis

Depression - ein Auftrag zur Umkehr

Malte Filip – ein Fallbeispiel

Malte Filip war 40 Jahre alt, als er erstmals Hilfe wegen einer Depression aufsuchte, die bereits seit 15 Jahren bestand und die er durch alle Arten von Selbstbehandlung erfolglos versuchte in den Griff zu bekommen.

Zu mir geführt hat ihn, abgesehen von einem ohnehin anhaltend schlechten Zustand die Tatsache, dass dieser sich derzeit noch dadurch verschlimmerte, dass sich in seinem Beruf krankheitsbedingt Schwierigkeiten ergaben, welche zur Kündigung des Arbeitsverhältnisses führten.

Malte Filip wurde bisher weder fachärztlich noch therapeutisch behandelt, seine Selbstdiagnose Depression konnte infolge von Symptombeschreibungen wie fast ständig präsente traurige Stimmung, körperliche Schwere, Müdigkeit, Schlaf- und Appetitstörungen, allgemeine Lustlosigkeit sowie stets wiederkehrende Rückenschmerzen bestätigt werden. Dennoch riet ich ihm, schnellstmöglich seinen Hausarzt aufzusuchen, welcher eine fachärztliche Untersuchung in die Wege leiten sollte, um organische Ursachen der Erkrankung auszuschließen.

Zum Abschluss befragte ich ihn nach möglichen Selbsttötungsabsichten und nahm wahr, dass Malte Filip zwar mut- aber noch nicht ganz hoffnungslos war. Er gab offen zu, Suizid zwar bereits in Erwägung gezogen zu haben, was seine Religiosität ihm aber letztendlich verbiete, darüber hinaus habe er seiner Familie das Versprechen gegeben, sich nichts anzutun. Nach diesem Informationsaustausch beendeten wir den ersten Termin und vereinbarten einen weiteren, sehr zeitnah bereits in der kommenden Woche, da ich wahrnahm, dass Malte Filip unter einem enormen Druck stand und allein sich auszusprechen ihm schon gut tat. Zunächst ließ ich ihn frei von sich und seinen Schwierigkeiten berichten, wobei sich im Verlauf des Gesprächs neben den depressiven Beschwerden Hinweise auf eine Borderline- Persönlichkeit (ohne Selbstverletzungstendenzen) ergaben. Die Belastungen, die seine Lebensqualität am stärksten einschränkten, waren einerseits ein diffuses Angstgefühl, Anspannung und Unzufriedenheit, darüber hinaus die Unmöglichkeit, eine lange zurückliegende Beziehung loszulassen, die ihn bis in die Tiefen seiner Seele erschütterte und verletzte. Malte Filip stammt aus wohlhabenden und geordneten Verhältnissen, die Eltern sind seit seinem 15. Lebensjahr geschieden, der Vater ist seit einigen Jahren neu verheiratet, zu beiden Elternteilen, sowie zu seiner etwas jüngeren Schwester hält er regelmäßigen Kontakt. Die Symptome einer Depression stellten sich erstmals nach der Trennung von seiner Freundin Florentine ein, welche zwar bereits 15 Jahre zurückliegt, aber nie von ihm überwunden wurde. Genau seit diesem Zeitpunkt fühlte er sich allein und ungeliebt, ebenso wie seine beruflichen Leistungen infolgedessen immer stärker nachließen.

Zwar fand er sich in den folgenden Jahren in einigen kurzen Beziehungen wieder, sie blieben jedoch allesamt bedeutungslos für ihn, da er einerseits glaubte, die Damen interessierten sich nur wegen seiner materiellen Verhältnisse und seinen intellektuellen Fähigkeiten für ihn, er sich darüber hinaus aber auch unter keinen Umständen mehr binden wollte, da Nähe ihn ängstigt, obwohl er sich gleichzeitig nach einer erfüllten Partnerschaft sehnt. Hierzu berichtete Malte Filip von einer jungen Frau, die sich zwar um ihn bemühte, deren Präsenz ihn aber zeitweise und parallel zu seinen krassen Stimmungswechseln wütend und aggressiv machte und welcher er sich nur dann von sich aus wieder nähern konnte, wenn er sie zuvor weggeekelt hat und folglich glaubte, sie dauerhaft verloren zu haben. Über seinen bisherigen Beruf als Verkäufer in einem Autohaus berichtete er, dass dieser ihm wenig echte Freude und Erfüllung bereit hat, die Kollegen ihm nur als Konkurrenten erschienen, die ihn in hässliche Intrigen hineinverwickelten und ihm besonders die Regelmäßigkeit, zu welcher dieser Berufsalltag verpflichtet, zu schaffen machte. Ich befragte ihn genauer nach seinem Verhältnis zu seiner Familie sowie zu Freunden. Freunde, so sagte er, habe er keine wirklichen. Den Sprung zu solchen schafften seine Bekannten nicht, da sie sich vorher von ihm zurückziehen. Ich wollte von ihm wissen, ob diese sich tatsächlich freiwillig von ihm zurückziehen, oder ob er sie dazu zwingt, bedingt durch seine Angst vor Nähe, durch seine Wutausbrüche sowie durch seine nichtvorhandene Fähigkeit zu Regelmäßigkeit. Im Grunde stimmte er mir zu, betonte aber, wie sehr ihn Kontakte anstrengten und wie mühevoll es allein für ihn sei, einem Gespräch zu folgen, geschweigedenn, eines in Gang zu halten.

Innerhalb seiner Elternfamilie fühlte er sich besonders seiner Mutter verbunden, auch sie zeigt nach seinen Angaben depressive Charakterzüge. Der Vater ist sowohl ökonomisch als auch sozial erfolgreich, während die Mutter, sehr liebenswert und sehr schwach, mit Haushalt und Kindererziehung beschäftigt war und sich stets um die Zuneigung und Anerkennung ihres Mannes bemühte. Sie vernachlässigte ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse und eigentlich ihr ganzes Leben, setzte alles daran, um für ihren Mann perfekt zu sein und erreichte nur eins – er wurde ihrer Überangepasstheit bald überdrüssig. In der Folge befriedigte sie ihr Bedürfnis nach Anerkennung und Liebe durch Essen, wurde dicker und dicker, nun auch noch unattraktiv für ihren Mann und so bald zur verlassenen Ehefrau. Ich fragte Malte Filip, ob auch er sich von seiner Mutter vernachlässigt und dem Ziel Liebe und Anerkennung von ihrem Ehemann untergeordnet fühlte. Er bestätigte dies, fühlte sich inmitten seiner Familie entfremdet und berichtete von einigen Situationen, in denen er seine Mutter dringend gebraucht hätte, diese ihm aber nicht zur Verfügung stand, da sie putzen, den Garten pflegen oder sonstiges tun musste, um die Anerkennung des Vater zu erreichen. Ich gewann den Eindruck, dass Malte Filip etwas von den verzerrten Gedanken der Mutter in sich trägt, nämlich dass einerseits nichts Bestand hat und andererseits ausschliesslich ein idealer Partner Glück ins eigene Leben bringen kann. Und Glück – das ist nichts Anderes als Anerkennung durch andere. Gewinnt man diese nicht, war die Bemühung nicht groß genug und man hat versagt. An diesem Punkt beendeten wir den zweiten Termin, ich schlug ein weiteres Gespräch in Kürze vor, da ich bemerkte, welche entlastende Wirkung es auf Malte Filip hat, dass er nach vielen Jahren ein Gegenüber finden konnte, bei dem er sich aussprechen kann, ohne unter dem Druck zu stehen, sich in ein möglichst günstiges Licht rücken zu müssen, um zu gefallen und nicht abgelehnt zu werden. Für die Zeit bis zu unserem nächsten Treffen bat ich Malte Filip, sich einmal von seinem Leben zu distanzieren, indem er sich einen Menschen ausdachte, den er sehr schätzt. Diesen Menschen soll er nun in Gedanken, oder noch besser in einer von ihm verfassten Kurzgeschichte, sein eigenes Leben in allen Stationen leben lassen, während er selbst sich in der Position des neutralen Beobachters wieder findet.

Eine Woche später befragte ich Malte Filip nach seinen Erkenntnissen. Er ließ seinen besten Freund in seine Rolle schlüpfen und stellte fest: „ Er muss sehr stark und von zäher Natur sein, dass er soviel aushalten kann.“ Anschliessend knüpfte ich an die Beziehungsproblematik an, indem ich Malte Filip nach seiner früheren Freundin Florentine fragte:

Florentine war einfach wunderbar. Sie verstand es, sich durchzusetzen, was seine überangepasste Persönlichkeit ihm nicht vergönnte, sie verstand ihn, sie liebte, was auch er liebte, sie gab ihm das Gefühl, zu leben – und sie trennte sich von ihm. Er unternahm enttäuscht nichts Nennenswertes, um seine Beziehung zu retten und fühlte sich nie verzweifelter als zu dem Zeitpunkt, als er erfuhr, dass Florentine einen anderen Mann geheiratet hatte. Ich fragte ihn, ob sie ihn vielleicht gerade deshalb verließ, weil sie spürte, dass er sein Glück von ihr abhängig machte, dass er, um seinen „Lebenssinn Florentine“ zu bewahren, überangepasst und übergewissenhaft wurde und damit jede Leichtigkeit verlor. Er antwortete, dass er doch sein Bestes versucht habe… Gemeinsam erarbeiteten wir, dass Überangepasstheit keine notwendige Voraussetzung für die Erfüllung von Wünschen ist, sondern zu nichts anderem führt, als den Kontakt zu sich selbst zu verlieren und für Andere im ungünstigsten Fall unattraktiv zu werden. Darüber hinaus, dass ein Erfolgsgeheimnis vielmehr in gesundem Eigensinn und gesunder Selbstvergessenheit besteht. Als vorletzten Punkt bat ich Malte Filip, mir noch kurz sein häusliches Umfeld zu schildern. Er lebt allein in einer Wohnung, in welche er beim besten Willen keine Ordnung bringen kann, obwohl ihn das Chaos sehr stört. Auch diese Tatsache fördert mehr und mehr seine Selbstaggression, mit welcher konform seine Selbstachtung sinkt. Wir einigten uns darauf, dass die vermüllte Wohnung ihm gleichzeitig Schutz bietet – nämlich vor sich nähernden Bekannten die ihn vielleicht gerne besuchen würden – nur in dieser Wohnung geht´s ja nicht, selbst wenn er wollte…

Ein letztes Stichwort: Freizeitgestaltung?

Malte Filip läuft einen Marathon nach dem anderen. Ich erzählte ihm, kürzlich in einer Sportzeitung gelesen zu haben, dass nach einer Umfrage männliche Läufer dieser Betätigung zumeist deshalb nachgehen, weil sie aggressiv gegen ihren eigenen Körper sind. „Ich bin nicht nur aggressiv gegen meinen Körper, ich hasse mich überhaupt.“ (Ich dachte einen Augenblick darüber nach, ob er in diesem inneren Konflikt steckt, weil seine eigenen, zunächst noch nicht einmal ungesunden narzisstischen Bedürfnisse unbeabsichtigterweise nie gehört wurden, nicht von der beschäftigten Mutter, ebenso wenig wie später von seiner Freundin und er folglich meint, er sei einfach nichts wert?) Außerdem betätigt sich Malte Filip ehrenamtlich in seiner Kirchengemeinde. Irgendeine anerkennende Gunst muss sich doch ergattern lassen… Hiermit schloss sich der Rahmen unseres Einstiegsgesprächs, wir vereinbarten einen nächsten Termin und in der Zwischenzeit machte ich mir Gedanken, welchen Behandlungsvorschlag ich Malte Filip anbieten könnte. Ich hielt es für sinnvoll, auf die Individualität Malte Filips ebenso individuell zu antworten:

Die Ebene seine Probleme war vielschichtig,

- ihn belasten seine bislang nicht in Worte gefassten Ängste

- und mehr noch die Verbundenheit zu seiner früheren Freundin Florentine, die in dem Fall als negativ zu bezeichnen ist, da er an Verletzung und Mangel festhält, und nicht an der Liebe,

- er hat keinen Job, damit keine sinnvolle Beschäftigung und auch kein Ziel vor Augen, was diesen Bereich, sowie auch seine Freizeitgestaltung, abgesehen von Kirche und Sport, betrifft,

- er kann den Anforderungen des Alltags nicht oder bestenfalls nur unter unverhältnismäßig schweren Anstrengungen gerecht werden,

- er lebt keine gesunden und funktionierenden Kontakte, sehnt sich aber gleichzeitig nach tieferen Beziehungen, - er hat seine Affekte nicht unter Kontrolle,

- es fehlt ihm an Selbstliebe und Selbstwert und

- seine Werte überhaupt sind verschoben, Respekt zum Beispiel kennt er gar nicht.

Deshalb meinte ich, dass es nicht ausreichend und damit auch nicht erfolgsversprechend ist, „nur“ psychoanalytisch“ oder „nur“ verhaltenstherapeutisch, um zwei Möglichkeiten zu nennen, an die gestellte Problematik heranzugehen. Es dürfte vielmehr sinnvoll sein, zunächst der diffusen Angst einen Namen zu geben, sodass sie greifbar wird und damit ihren Schrecken verliert, anschließend alte Beziehungsmuster zu beleuchten und zu durchbrechen, sodass Malte Filip seine Anspannung loslassen und frei werden kann, dann ein Ziel mit Malte Filip zu erarbeiten, welches keine großen Illusionen enthält, da diese allein schon mit der Zeit ihrer Nichterfüllung die Gefahr depressiver Stimmung mit sich bringen. Praktisch gesehen würde ein potentieller Wunsch wie „für immer in einer glücklichen Partnerschaft leben“ also wegfallen. Dafür können wir aber Visionen züchten, die durchaus erreichbar sind: Einen würdigen Wohnraum schaffen, an einem tragfähigen sozialen Netz knüpfen, oder wieder eine sinnvolle Alltagsbeschäftigung aufnehmen. Diese Ziele sollten am besten noch in kleinere Zwischenziele untergliedert werden.

Bei unserem nächsten Termin ließ ich Malte Filip ausreichend Zeit, seine Ziele eigenhändig zu definieren. Zunächst fiel es ihm schwer, den Einstieg zu schaffen, da es für ihn eine Tatsache war zu wissen, was er nicht wollte, aber unklar darüber zu sein, was er sehrwohl möchte. Deshalb begleitete ich ihn zur Musik von P.C. Davidoff and friends: „Secrets of the Jade“ zunächst auf eine Phantasiereise in sein Unterbewusstsein. Danach geriet sein Monolog bald in Fluss und zu meiner Überraschung gingen die meisten seiner Ziele konform mit den Gedanken, die ich mir vorab über ihn gemacht habe. Wir besorgten uns eine rote Schnur, an die wir kleine Zettel mit den Stationen der einzelnen Ziele banden. Der „rote Faden“ also, der sich durch unsere gemeinsame Zeit ziehen sollte. In einem gesonderten Gespräch schafften wir Raum, um ausschließlich über Malte Filips Angst zu sprechen. Der Heimatort seiner Angst liegt auf seiner Brust, dort macht sie sich als immervorhandenes Druckgefühl breit – und vor allem schwer. Ich bat Malte Filip, sich genau in diesen Ort hineinzufühlen: Welche einzelne Ängste hausen dort, die das große, schwere Ganze ausmachen? Es ist die Wut, die stets präsent in ihm ist, die nahezu unkontrollierbar erscheint und doch irgendwie, und zwar nur unter größten Anstrengungen, halbwegs in ihren Grenzen gehalten werden muss. Manchmal gelingt es ihm, meistens nicht. Dann bricht sie aus, greift nach Außen auf sein Umfeld über und anschließend fühlt er sich nichteinmal befreit, sondern nur noch mehr bedrückt. Es ist die Enttäuschung, derart verletzt und erniedrigt von seiner Freundin Florentine zurückgelassen worden zu sein, obwohl er sie so sehr und wirklich aufrichtig liebte, verbunden mit dem hoffnungslosen Gefühl, jemals nocheinmal der Liebe trauen und eine verbindliche Beziehung eingehen zu können und vielleicht für den Rest seines Lebens allein und zurückgezogen im Ich zu bleiben. Es ist die Sorge, beruflich nicht mehr auf die Füße zu kommen und damit in seinem aktuellen sinnlosen Alltag feststecken zu bleiben. Es ist das bedrohliche Gefühl, nach vierzig Jahren keine Antwort auf die Frage zu haben, wer er ist und was er nützliches mit seiner Zeit angefangen hat. Wir reduzieren gemeinsam die genannten Einzelängste auf einen Nenner: Es ist die aus gelebter Erfahrung gewachsene Angst, dem Leben nicht trauen zu können, weil es ihm entweder tiefe Verletzung oder Stillstand brachte. Nun lässt sich Angst leider nicht wegdiskutieren, aber wir haben soviel gewonnen, dass sie nicht mehr als bleierne, anonyme Schwere auf ihm liegt, sondern aufgegliedert ist in Teilmengen, die genau benannt sind. In diese einzelnen Teilmengen können wir nacheinander eingreifen und sie in kleinen, praktischen Schritten wandeln, indem wir bewusst Erfahrungen herbeiführen, die kleine Erfolge in sich bergen und damit Vertrauen schaffen. Zum Abschluss unseres Gespräches bat ich Malte Filip, eine kleine Karte im Hosentaschenformat zu gestalten. Sie soll die Aufschrift tragen: Meine Schwierigkeiten sind meine Chance auf das Leben, wenn ich nicht wegsehe, sondern höre, was sie mir mitteilen möchten. Diese Karte begleitet Malte Filip ab sofort durch den Alltag.

Außerdem gab ich ihm eine Übung mit nach Hause, die sich an eine Zen- Weisheit anlehnt:

Ein erfahrener Mönch wurde gefragt: „Viel beschäftigt bist du, doch allzeit gesammelt. Was ist dein Geheimnis?“ Dieser antwortete: „Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich laufe, dann laufe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich spreche, dann spreche ich.“ Da fielen ihm die Fragesteller ins Wort und sagten: „Das Gleiche tun auch wir. Wie kommt es, dass du glücklich bist in all dem, wir aber nicht?“ Er antwortete: „Vielleicht ist dies der Grund: Wenn ihr steht, dann geht ihr schon. Wenn ihr geht, dann lauft ihr schon. Wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.“ Um was ich Malte Filip damit bitten wollte, war, sich bis zu unserem nächsten Treffen sooft als möglich dazu zu zwingen, im Hier und Jetzt zu sein, statt seinen Gedanken zu gestatten, abzuschweifen in ein ständiges Kreiseln um sich selbst, seine Situation, seine Mitmenschen, seine Vergangenheit und seine Zukunft. Ich schlug ihm vor, mindestens einmal täglich einen Ausflug in die Natur zu unternehmen und dort einfach nur zu sein. Nachzuspüren, dass auch die Natur einfach nur ist: Die Bäume, die Blumen, die Sonne, die Wolken, sie alle sind einfach da, sie üben keinen Druck auf ihn aus, sie stellen keine Anforderungen an ihn, sie zerren nicht an ihm herum, sie kritisieren ihn nicht, sie möchten ihn nicht ändern, sie werfen ihm nichts vor, sie wollen ihm nicht gefallen, sie nehmen ihn nicht gefangen und drängen sich nicht auf. Sie sind nur da. Sie akzeptieren ihn so, wie er ist. Und sind dabei völlig unabhängig von dem, was er über sie denkt. In ihrer würdigen Stille fordern sie nur eines: Achtsamkeit.

Es kann nicht von heute auf morgen geschehen und es soll auch keine einmalige Übung sein, sondern durch fortwährendes Praktizieren zu einer Lebenseinstellung werden: Jetzt - Sein. Unabhängig werden von Vergangenheit und Zukunft. Im Augenblick eines Waldspaziergangs den Vögeln lauschen, die Sonne spüren, den Wind hören, die Insekten beobachten, die Luft riechen, den Boden unter den Füssen wahrnehmen. Mehr nicht: Im Augenblick eines Waldspaziergangs nicht in einer Zeit vor 15 Jahren wühlen und sich nicht sorgen um eine Zeit in 15 Jahren. Unabhängig werden vom Urteil anderer Menschen. Zu sich selbst zurückfinden. In sich selbst ruhen. Aus sich selbst Kraft schöpfen. Schöpferisch sein, statt sich an den Anspruch zu vernageln, dass das Leben ihm etwas schuldet.

In unser nächstes Gespräch startete Malte Filip mit einem Erfahrungsbericht zu dieser Übung: Das Gefängnis seiner selbst hatte sich etwas geöffnet. Durch die ungeteilte Konzentration auf seine Sinneswahrnehmungen fühlte er sich als Ganzes und mitten in das Leben hineingeraten, statt wie sonst als abgeschnittener, verriegelter Aussenseiter innerhalb seiner Umwelt. Er spürte die Neutralität der Natur, die ihm wortlos vermittelte, dass es durchaus möglich ist, Ängste loszulassen und zu vertrauen. Aber wir wollten uns nichts vormachen – der Weg von dieser Übung zu einer Lebenshaltung ist hartes Training, das beibehalten und im Alltag ausgeweitet werden muss; die eine zurückliegende Woche war dabei nur der erste wertvolle Schritt in eine neue Richtung. Wir fuhren in unserem Gespräch fort. Was Malte Filip trotz dem gelungenen Versuch immer wieder einholt, ist die tiefe innere Verletzung, die durch den Verlust seiner Freundin Florentine in ihm Wurzeln geschlagen hat. Sie sind im Streit auseinandergegangen und es ergab sich keine Möglichkeit der Klärung mehr Ich fragte Malte Filip, ob es eine Denkbarkeit für ihn ist, dass nocheinmal ein Gespräch mit Florentine herbeigeführt werden könne, um zu einem guten Abschluss zu kommen. Ich halte das deshalb für wichtig, da jede ungeheilte Verletzung in eine neue Beziehung mit hinein genommen wird. Malte Filip verneinte, Florentine sei längst verheiratet und lebe in einer entfernten Stadt. Obwohl er schon ungezählt oft den Telefonhörer in der Hand hielt, verfüge er dennoch niemals über den Mut, tatsächlich anzurufen. Ich lud ihn ein, Kontakt zu seinem Unterbewusstsein aufzunehmen, um zu erfahren, was die innere Stimme ihm zu sagen hat und rät. Um zur Ruhe zu kommen und Entspannung zu finden, ging ich zunächst wieder mit ihm und begleitet von leiser Musik (Kitaro: Silkroad) auf eine Phantasiereise hinein in sein Inneres. Dann bat ich ihn, Florentine vor sein geistiges Auge kommen zu lassen, auf sie zuzugehen und sie genau anzuschauen, um ihr anschliessend all das zu sagen, was ihn so viele Jahre so schwer belastet. Ich gab ihm dafür genug Zeit und bat ihn nach einer Pause, in Florentine hineinzuschlüpfen und aus ihrer Position auf das zu antworten, was er gesagt hat. Nach einer weiteren Pause ließ ich ihn wieder in sich selbst zurückkehren, um Florentine auch das mitzuteilen, was er an ihr schätzte und liebte und wofür er ihr dankbar ist. Auch danach wechselte er nocheinmal die Position und war für einige Zeit Florentine, die ihm natürlich auch sagen wollte, was unverwechselbar an ihm ist und wofür sie ihm zu danken hat. Nach einiger Zeit bat ich die beiden, sich liebevoll voneinander zu verabschieden und anschliessend Malte Filip, langsam wieder in unserem Raum zurückzukehren.

Die Aussprache hatte ihm sehr gut getan und im weiteren Gespräch war er offener für die Tatsache, dass an einem Streit zwischen zwei Menschen auch immer zwei Menschen Schuld tragen, statt sich wie bisher als das wehrlose Opfer seiner Freundin Florentine oder gar eines Schicksals zu fühlen. Für diesen Tag beendeten wir unser Gespräch mit der Aufgabe, in der kommenden Woche ein Bild zu malen, dass die neue Beziehung zu Florentine nach diesem inneren Gespräch darstellt. Als sehr positiv an der Zeichnung fiel mir auf, dass die beiden Figuren in einem gesunden Abstand voneinander dargestellt sind und in die gleiche Richtung blicken. Als bearbeitenswert fand ich die Selbstdarstellung Malte Filips, der im Schatten eines sehr abstrakten Baumes im Verhältnis mindestens zwei Meter über dem Boden schwebt. Unter welchem Schatten steht Malte Filip, der ihn nicht gesund gedeihen lässt?, wollte ich wissen. Als wir nach und nach die Antwort erarbeiteten, kam uns glücklicherweise das nachhaltig gute Ergebnis unseres letzten Termins zur Hilfe: Malte Filip war aus der Opferrolle heraus getreten. Das erleichterte uns wesentlich den Weg zu seinem Schatten, nämlich dass er innerhalb einer Liebesbeziehung besitz ergreifende, eifersüchtige, rachsüchtige und bisweilen sogar sadistische Tendenzen zeigt. Eine beschränkende, beengende Last, mit der er sich und anderen das Leben schwer macht. Und warum schwebt Malte Filip so offensichtlich über der Erde? Die feste Bodenhaftung, die ihm fehlt, ist für ihn gleichzusetzen mit dem Sprung ins Ungewisse, den er nicht wagen kann: Er kann nicht vertrauen. Ich dachte, dass man diesen teuflischen Schatten zwar unbedingt ansehen und bei den Hörnern packen sollte, aber dass er alles in allem „nur“ ein Problem hat: Denn durch die Schaffung von Vertrauen wird sich der Schatten weitestgehend selbst auslöschen. Wie aber kann Vertrauen wachsen? Durch das Sicherheben aus dem Chaos. Durch Mut für die Zukunft. Und Mut für das eigene Ich, sowie den eigenen Weg. Durch selbst herbeigeführte Erfolgserlebnisse. Durch das Ausräumen des Gefühls, Wesentliches im Leben zu versäumen. Durch das Setzen eines Schrittes vor den anderen. Durch das sich Lösen von bewerten und bewertet werden.

Die Erschwernis dabei: Es ist meist unangenehm und vor allem unbequem, negative Gedanken- und Verhaltensmuster abzustreifen, schließlich hat man sich oft über Jahre, wenn auch mehr recht als schlecht, mit ihnen arrangiert. Und es fordert die Konsequenz, Abhängigkeiten in jeder Form aufzulösen. Aber die Erfahrung zeigt, dass ein einziger Schritt in eine neue Richtung, den man tatsächlich wagt, dass sich öffnen und bewegen lassen gesegnet ist von einer Eigendynamik, die Wachstum und Fortschritt heißt. Nachdem wir ausführlich darüber gesprochen hatten, überprüften wir noch einmal neu die ursprünglichen Ziele Malte Filips. Und da er nun schon durchaus beachtlich und auch mit Erfolg an sich gearbeitet hatte, ist er sich noch immer sicher, den Weg der Veränderung wirklich zu wollen und auch weiterzugehen. Für unseren nächsten Termin plante ich, einmal die Themen Beziehungen, Stärken, Schwächen, notwendige Veränderungen … außen vor zu lassen und stattdessen einigen ganz praktischen Punkten Platz zu machen. Wir beschlossen, dass Malte Filip, um seinem Wohnraum einen Grundschliff zu verpassen, zunächst eine Haushaltshilfe engagiert, die ihn entlastet, was keinesfalls meint, dass sie vermeintliche Faulheit unterstützt. Vielmehr soll sie für eine Grundreinigung sorgen, sodass er kleinere, täglich anfallende Arbeiten wie Bettenmachen oder Spülen selbst erledigen kann. Es ist absehbar, dass er damit von Woche zu Woche mehr alleine schaffen und sich wie von selbst mit diesen Pflichten ein bisschen Regelmäßigkeit aneignen wird. Da er schon immer lernen wollte, Gitarre zu spielen, meinten wir, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist, dies umzusetzen. Malte Filip wollte einen geeigneten Lehrer suchen, der es ihm ermöglicht, die Übungsstunden zunächst flexibel zu legen. Die Aussicht zu musizieren bescherte ihm ein kleines Glücksgefühl und ich meine, dass primär nicht Talent und Fleiß für seinen Erfolg entscheidend sind, sondern seine Begeisterung. Ich bin sicher, dass er dadurch schnell lernt, was ihm wiederum Selbstvertrauen in seine Fähigkeiten verschafft und darüber hinaus die Erkenntnis, dass er mehr von dem tun sollte, was ihm wirklich Spaß macht. Ich denke außerdem, dass ihm das notwendige Üben zuhause, außerhalb der Unterrichtsstunden, dabei hilft, trübe Gedanken zu minimieren. Malte Filip verließ das Gespräch mit der Aufgabe, Ausschau nach einer Zugehfrau sowie nach einem Musiklehrer zu halten. Außerdem bat ich ihn, sich Gedanken zu machen über einen Beruf, der ihm Freude bereiten könnte, statt bloßen Leistungscharakter zu besitzen. Nachdem ihm die beiden ersten Punkte gelungen sind, hielten wir einen Termin frei, nur um über seine beruflichen Absichten zu sprechen. Bedrückt es ihn sehr, dass er im Moment ohne Arbeit ist?, fragte ich ihn. Und muss man wirklich in diesem Strom mitschwimmen, nur dann von Bedeutung zu sein, wenn man erfolgreich einer Arbeit nachgeht? Letzteres sicher nicht, aber Malte Filip fehlte die Struktur, die ihm der Arbeitsalltag gewährleistete. Andererseits sollte der Rahmen aber auch nicht zu eng gespannt sein, da er damit wiederum auch nicht umgehen kann. Reiseleiter ist das, was er sich sehr gut für sich selbst vorstellen konnte, paart es doch die Regelmäßigkeit eines Broterwerbs mit einem größtmöglichen Maß an Flexibilität und Freiheit. Ich konnte mir sehr gut eine Reisegruppe vorstellen, die verzweifelt an ihrem Bus steht und auf ihren Reiseleiter wartet. Der aber nicht kommen wird, weil er in einem Tief festsitzt, das ihm jede Veränderung verunmöglicht. Dennoch hielt ich es nicht für sinnvoll, ihn jetzt und an dieser Stelle auszubremsen. Wohl aber regte ich ein Gespräch darüber an, dass es zu Rückschlägen in Form von Absagen kommen könnte. Überraschend und zu meiner Freude deutete Malte Filip das Schreiben von Bewerbungen aber in erster Linie als Beendigung seines Versteckspiels. Er möchte den Hoffnungen folgen, von denen die stärkste Energie ausgeht. Herzlichen Glückwunsch!

Um an glückenderen Beziehungen zu arbeiten, schlug ich Malte Filip für das nächste Mal vor, seine junge Bekannte zu einem Gespräch mitzubringen. Gemeinsam kann man über die Krankheit aufklären und Vorschläge sammeln, wie man besser mit den Stimmungsschwankungen und Wutausbrüchen umgehen kann. Darüber hinaus wollte ich noch einmal einen Rollentausch anregen, dieses Mal ganz real, für den jeder der beiden in die Person des anderen schlüpfte und aus dessen Sicht sprach, um herauszufinden, wen was genau stört, wer was von dem anderen möchte, inwieweit das überhaupt klar und vor allem machbar ist und wo genau sich Missverständnisse verstecken, die diese Bekanntschaft so schwierig machen. Nachdem das Gespräch stattgefunden hatte, ergaben sich die verbindlichen Kompromisse, dass von Seiten der jungen Frau Verständnis gezeigt wird, wenn Malte Filip Schwierigkeiten hat, etwas Bestimmtes zu tun, wie zum Beispiel ein Telefonat entgegenzunehmen, eine Email zu beantworten oder ein Treffen stattfinden zu lassen. Es soll wenige, dafür aber regelmäßige Treffen geben, die dazu dienen, dass Malte Filip in Beziehungen langsam wieder Fuß und Vertrauen fassen kann. Malte Filip seinerseits erklärte sich dazu bereit, vorgeschlagene Treffen im Verhinderungsfall tatsächlich klar und deutlich abzusagen, statt sich wie bisher einfach gar nicht zu äußern, wenn er nicht wollte oder nicht konnte. Außerdem, sich ein wenig zu öffnen, auch Vertrauen zu schenken, statt ein großes, dunkles Geheimnis um seine Person zu machen. Um zur Ruhe zu kommen in Situationen, in denen er sich selbst nicht unter Kontrolle hat, meinte ich, dass sich als Basis Autogenes Training anbieten würde. Vielleicht könnten die beiden sogar gemeinsam einen Kurs belegen. Dieser Vorschlag begeisterte Malte Filip allerdings wenig. Oder ehrlich gesagt gar nicht.

Außerdem regte ich an, Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe aufzunehmen. Hier kann Malte Filip erfahren, dass er nicht allein mit seinen Problemen ist, daneben einen Ort finden, an dem seine Depression Raum hat, statt sie überall bei Freunden und in der Familie zum ganz großen Thema zu machen und an dem er vielleicht ganz nebenbei die ein oder andere tragfähige Beziehung zu seinen Mitmenschen aufbauen kann. Zeigten sich unsere bisherigen Gespräche als entlastend für Malte Filip und insgesamt auch konstruktiv, war unser nächster Termin als Zerreißprobe für die Geduld beider Seiten zu verstehen: Er zeigte sich so unkooperativ, wie ich ihn nie vorher erlebt hatte, als müsste er mir endlich einmal die Ausweglosigkeit seines Seins beweisen. Er erklärte mir laut, energisch und dramatisch, dass er sich immer und immer wieder bemühen musste, ohne dass dabei jemals etwas Brauchbares herausgekommen wäre, dass er müde des Sichversuchens ist und brach schließlich den Termin von jetzt auf gleich ab. Ich selbst war schon ein bisschen fasziniert von soviel Energie, die in ihm steckt und die sich meiner Meinung nach nutzen ließe, gleichzeitig erschreckte mich aber auch die Wut, in die er noch immer so plötzlich geraten konnte. Ich stellte mir die Frage, ob ich ihn wirklich einfach gehen lassen sollte, um nicht übergriffig auf ihn zu wirken und darauf zu hoffen, dass er, typisch einer Borderlinepersönlichkeit, die nicht selten mit einer Depression Hand in Hand geht, von selbst zurückkommen wird, sobald man ihn loslässt, oder ob ich ihm hinterher gehen sollte, um ihm nicht das Gefühl zu vermitteln, dass auch ich ihn gemäß seiner Erkenntnis fallen lasse, wenn er nicht ausführt, was man von ihm verlangt, oder er nur dann anerkannt wird, wenn er tut, was er soll. Ich entschloss mich dazu, ihn gehen zu lassen. Es brauchte mehr als vier Wochen, bis Malte Filip mich anrief und um einen neuen Termin bat. Ich trat ihm vorwurfsfrei und wohlwollend entgegen und verlangte darüber hinaus nicht, dass er sich ausführlich erklärte.

Er berichtete mir von den Erlebnissen der vergangenen Tage:

Die Zugehfrau, eine mütterliche, ältere Dame, nimmt ihm im Haushalt einiges ab, sodass er wieder zu einem Wohnraum kam, in dem er sich wirklich wohl fühlen und deshalb auch aufhalten kann. Außerdem lehrt sie ihn etwas von ihren Kochkünsten und in nächster Zeit plante er sogar, seine Bekannte einmal zu sich nach Hause einzuladen. Mittlerweile hatte er auch vier Gitarrenstunden hinter sich gebracht und der Lehrer stellte sich als sympathischer Mann heraus, dem nichts ferner lag, als oberflächliches Geschwätz. Das gefällt Malte Filip und sie verabredeten sich spontan nach einer Musikstunde zu einem Besuch im Biergarten.

Für das Autogene Training konnte ich ihn nicht begeistern, wohl aber für einen Besuch einer Selbsthilfegruppe in der nächstgelegenen Stadt. Der Austausch mit anderen entlastet ihn. Dabei hielt ich es für völlig in Ordnung, wenn er nicht an jedem Treffen teilnehmen wollte, wie ich mir berichten ließ. Der berufliche Plan, Reiseleiter zu werden, wurde durchkreuzt von einer Annonce in der Lokalzeitung, über die eine Zeitarbeitsfirma die freie Stelle eines Pförtners zu besetzen versuchte. Er bewarb sich und wurde mittlerweile sogar zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Und er sucht regelmäßig stille Orte in der Natur auf, um für immer ausgedehntere Augenblicke einfach nur zu sein. Ich hielt mich zurück, einen neuen Termin zu vereinbaren und wartete ab, ob etwas aus seiner eigenen Initiative angeregt wird. Und tatsächlich – er bat zeitnah um ein weiteres Gespräch, denn er wollte darüber reden, wie man eine gute Partnerschaft im Alltag überhaupt führen kann. Ich freute mich zu hören, dass wir einen Schritt weitergekommen sind: Wo es am Anfang noch absolut undenkbar für ihn war, jemals nocheinmal eine Beziehung zu einer Frau aufnehmen zu können, waren wir jetzt doch soweit, dass er „nur“ noch um das Wie rätselte. Allerdings ergab sich für jenen nächsten Termin zwischenzeitlich ein anderes Anliegen: Malte Filip brachte ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch in der Zeitarbeitsfirma hinter sich und wurde zu einem Probearbeitstag eingeladen. Er freute sich wirklich sehr darauf. Doch als der Tag gekommen war, musste er erleben, wie der künftige Kollege, welcher in die neuen Aufgaben einweisen sollte, ihn vor einem Besucher der Firma kritisierte. Ob diese Kritik nun gerechtfertigt war oder nicht, war für Malte Filip weniger die Frage, als die Tatsache, dass er sich getadelt vorkam, zurückgewiesen und verletzt. Diese Gefühle sollten sich aber in keinem Fall erneut in ihm breit machen, da sie ihn zu oft schon in ernsthafte Schwierigkeiten an seinen Arbeitsplätzen brachten und ihn einige Male sogar den Job kosteten. Was tun also, wenn man kritisiert wird, und die dabei entstehenden negativen Gefühle überwinden möchte? Nun, man sollte zunächst wirklich unterscheiden, ob es sich um konstruktive Kritik handelt, die einem doch weiter bringt, wenn man sie richtig nutzt. Oder ob es Hochmut und Besserwisserei von Kollegen ist, die sich richtig wichtig nehmen und nur dann ein Glücksgefühl verspüren, wenn sich die Gelegenheit ergibt, einen anderen niederzumachen. Gerade im letzteren Fall kann es durchaus gelingen, sich gegen Kritik zu immunisieren, nämlich indem man sich zu einer Reaktion des Herzens entscheidet und gelassen bleibt. Auch das ist natürlich wieder leichter gesagt als getan, aber mit etwas Übung stellt sich bald der Fortschritt für den eigenen Seelenfrieden ein. Bedenken sollte man dabei, dass es einfach ist, freundlich zu denjenigen Menschen zu sein, die auch uns gegenüber nett und zugewandt sind. Eine wahre Qualität des Herzens bildet sich hingegen erst dann aus, wenn zwischenmenschlich nicht alles den geraden Weg läuft. Und zu dieser, da bin ich ganz sicher, ist Malte Filip auf jeden Fall fähig. Wenn er also wieder einmal in eine Situation gerät, in der er Kritik ausgesetzt ist und dabei nach sorgfältigem Abwägen zu dem Schluss kommt, dass diese tatsächlich ungerecht und unfair ist, dann ist es wichtig für ihn zu wissen, dass diese Art von Kritik nichts, aber auch wirklich gar nichts, über ihn als Menschen und seine Fähigkeiten aussagt, sondern allein etwas über das Bedürfnis des Kritikers, den anderen als untauglich erscheinen zu lassen. Der französische Autor Antoine de Saint-Exupéry sagt das sehr schön in einem Satz seines Buches *Die Stadt in der Wüste*: „Wer je einen anderen erniedrigt, sagte mein Vater, zeigt damit, dass er niedrig ist.“ Wenn Malte Filip sich also künftig in Augenblicken der Kritik bewusst für eine Reaktion seines Herzens entscheidet und gelassen bleibt, da gar kein Grund vorliegt, sich verletzt zu fühlen, weil ein unfairer Kritiker immer nur über sich selbst spricht – und zwar in der Regel davon, dass er keine Liebe in seinem Leben erfährt - dann ist Malte Filip Teil der Lösung. Statt wie bisher Teil des Problems.

Wie von Malte Filip gewünscht, sprachen wir beim nächsten Mal darüber, wie sich eine glückende Partnerschaft ganz konkret gestalten lassen könnte. Gemeinsam erarbeiteten wir die folgenden Leitsterne und Malte Filip gestaltete für seine persönliche Nummer eins: Loslassen und Vertrauen, eine wunderschöne Postkarte, die er sich an den Badezimmerspiegel kleben wollte und welche er mit einem Zitat aus Exupérys *Die Stadt in der Wüste* versah: „Verwechsle nicht die Liebe mit dem Rausch des Besitzes, der die schlimmsten Leiden mit sich bringt. Denn du leidest nicht unter der Liebe, wie die Leute meinen, sondern unter dem Besitztrieb, der das Gegenteil von Liebe ist.“ Malte Filip wollte es lernen, loszulassen und zu vertrauen: Unsere Leitsterne für eine gute Partnerschaft anwenden, wenn er auf eine potentielle Liebe trifft, sich aber ansonsten ganz in die Hände des Schicksals legen. Nichts mehr festhalten. Nichts mehr aufhalten.

Ein entscheidender Schritt ist Malte Filip schon vorab dadurch gelungen, dass er sich Hilfe holte, um auf den Weg innerer Freiheit zu gelangen. Innere Freiheit ist Grundvoraussetzung, denn alle unangesehenen Altlasten hätte er anderenfalls in eine neue Beziehung mit hinein genommen, die sich dort mit großer Gewissheit wieder entladen hätten. Weil es ein Gesetz ist, dass einem die Vergangenheit immer wieder einholt. Nicht weniger wichtig wollte es für Malte Filip sein, seine Distanziertheit gegenüber einer Partnerin zu lockern. Einerseits fühlt er sich als Außenseiter, andererseits macht er sich ein Stück weit aber auch selbst zu einem solchen, indem er sich immer wieder versteckt und ein großes Geheimnis um seine Person und sein Leben macht. Das ist für einen Partner nicht einfach, denn woher kann er wissen, wo genau er Rücksicht nehmen muss? Schnell kommt es so zu vermeidbaren Streitigkeiten, oder zumindest zu einem ständigen und anstrengenden Abklopfen aller Eventualitäten, so der Partner über etwas Einfühlungsvermögen verfügt und bemerkt, dass mehr hinter dem Stillschweigen steckt. Malte Filip möchte eine potentielle Partnerin künftig etwas näher an sich heranlassen und ihr solche Einblicke in sein Leben gewähren, die noch über Aktualität verfügen, da sie in seinem Alltag weiterhin Platz benötigen, auch wenn dieser hoffentlich immer geringer werden wird. Und wenn es sich um Liebe handelt, wird diese auch die Schatten mittragen. Als weiteren Punkt einigten wir uns darauf, dass die Liebe, die Malte Filip sich wünscht, nicht bei dem anderen startet und zu ihm übergreift, sondern der Kreislauf bei ihm selbst beginnt. Anschaulich kann das zum Beispiel so aussehen, dass er dem anderen immer wieder ein positives Feedback gibt, ohne zu übertreiben oder gar zu heucheln, versteht sich. Vielleicht eines bezogen auf dessen Charakterstärken, auf sein Verhalten oder auch auf sein Äußeres. Entscheidend für eine gelingende Partnerschaft halten wir es außerdem, die eigene Individualität zu wahren. Und natürlich auch, die des anderen zu akzeptieren. Wie schnell besteht man nur noch aus einem Großen „Wir“. Wenn dieses „Wir“ einmal zerbrechen sollte, was natürlich nicht wünschenswert ist, aber doch möglich sein kann, dann steht man ohne „Ich“ da und diese Tatsache hat schon mehr depressive Episoden ausgelöst, als einem lieb sein dürfte. Auf jeden Fall also möchte Malte Filip seine eigene Persönlichkeit nicht verbiegen lassen, Hobbies und Freundschaften beibehalten und pflegen und eigene Ziele unbeirrt weiterverfolgen. Als ein sehr wichtiger Punkt erscheint uns auch das gegenseitige Verzeihen eines Fehlers. Wie viel Leid könnte einem erspart bleiben – und das weiß kaum einer besser als Malte Filip selbst – wenn man über Schmerzendes sprechen würde? Hören auf das, was dem anderen weh tut. Und versuchen, es nachzufühlen. Denn nur wenn man darüber ins Gespräch und es dabei zu Einsicht kommt, kann man vergeben. Alles andere ist Selbstbetrug und führt niemals zu Änderung des Fehlverhaltens. Wir hätten die Liste der Leitsterne bis ins Unendliche fortsetzen können: Die Zahncremetube nach Gebrauch wieder verschließen, den Klodeckel zumachen. Die alten Socken nicht allerorts rum fliegen lassen, die Spülmaschine im Wechsel ausräumen, statt sie wortlos immer dem anderen zu überlassen. Intensiv und gut zuhören, sich Zeit füreinander nehmen, gemeinsam den Alltag verzaubern, sich gegenseitig abnehmen, was dem jeweils anderen schwer fällt. Eine Woche Venedig buchen … Aber wir wollten ausreichend Freiraum für Phantasie übriglassen, damit die Liebe wachsen kann und denken deshalb, das Essentielle auf jeden Fall erarbeitet zu haben.

Nach etwa 9 Monaten befanden wir uns in der Endphase und ich begann, die einzelnen Termine über weitere 2 Monate hinweg aus zu schleichen.

Es kam zu Rückfällen in depressive Phasen, aber auch darüber hatten wir gesprochen, sie trafen Malte Filip also nicht unvorbereitet, gingen weniger tief und dauerten nicht mehr all zu lange. Vielmehr versuchte er sie als Probezeiten zu betrachten, in denen sich seine neu gewonnenen Erkenntnisse bewähren konnten. Malte Filip hatte zudem meine Telefonnummer sowie meine Emailadresse und konnte in solchen Zeiten immer auf mich zurückgreifen. Insgesamt konnte das Leben Malte Filips einen Zugewinn an Wahrnehmung, Energie, innerem Frieden und Liebe verbuchen. Er war nicht mehr gefesselt an Langeweile, Frustration, Wut und Selbsthass und vor allem befreit von jenem Gedanken, dies alles sei ein Akt Gottes, den er durch Selbstgeißelung unbedingt milder stimmen müsse. Vielmehr wuchs seine Wahrnehmung, dass alles zu seinem Besten dient, entweder als nächsten Schub für sein persönliches Wachstum, oder, wenn bisher auch leider seltener: zu seiner Freude. Er lebte die Tatsache, dass seine Chance, das zu realisieren, was er sich vorstellt oder wünscht, um ein Vielfaches steigt, wenn er aktiv darauf zugeht und daran werkelt, statt sich wie bislang zu verriegeln, nur darauf zu warten, dass irgendwann einmal alles besser wird und immer frustrierter darüber zu werden, dass eigentlich gar nichts geschieht, geschweige denn, etwas positives. Gute Erfolge erzielte er mittlerweile auch in der sich stets wiederholenden Übung zur Überwindung seiner Ängste, indem er immer genau jenen Schritt tat, der ihn aktuell am meisten Überwindung kostete. Denn er wusste es ja: Das, was gerade ängstigend vor ihm liegt, ist da, ob er es nun fürchtet, oder auch nicht. Es ist auch aus gutem Grund da, nämlich als Herausforderung für sein Wachstum. Und zu guter letzt: Das, was ihn jetzt noch ängstigt, wandelt sich mit garantierter Sicherheit, sobald er es ansieht und anpackt. Seine Empfindlichkeit gegenüber Kritik ließ nach und in der Stille der Natur aufzutanken wurde für ihn zu einer wertvollen Bereicherung seines Alltags. Einen dauerhaften Job konnte er sich noch nicht sichern, wohl aber ein befristetes Arbeitsverhältnis von einem Jahr in der Position eines Pförtners, was ihm Gelegenheit gab, sich in einer neuen Betätigung zu üben und zurechtzufinden und damit war es für den Anfang mehr als genug.

Außerdem musiziert er weiter, bereitet damit sich und anderen Freude und zieht mit seiner positiveren Lebenseinstellung sogar noch seine Mutter in den Bann, der nicht nur ein Stein vom Herzen fiel, ihren Sohn endlich glücklicher und lebendiger zu sehen: Sie selbst sieht dabei auch, dass Glück nicht durch selbst geißelnde Leistung zu erzwingen ist. Malte Filip geht weiterhin seinem Ehrenamt in der Kirche nach, aber nicht mehr, um Gott zu überwältigen, sondern weil er sich endlich auf ein gesundes Maß von Geben und Nehmen einlassen kann, was dazu ist und er sich mehr und mehr dafür öffnet, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Und weiter noch: Durch sein Leid, das er aus eigener Kraft überwand, wurde er sehr feinfühlig und damit zu einem unverzichtbar großen Gewinn für seine Kirchengemeinde. Man kommt dort gerne mit ihm ins Gespräch, weil er in erster Linie immer zuhört und Verständnis zeigt, statt platte Ratschläge zu erteilen. Ich denke, dass sich Malte Filip auf einem guten und vor allem stabilen Weg befindet.

Bei unserm letzten Termin vereinbarten wir ein Katamnesetreffen in ca. 6 Monaten.

Ich bleibe sehr gespannt!

 

Verena Körner
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