Fallstudien aus der Praxis

Belastungsreaktion bei beruflicher Neuorientierung

Eine Frau, Ende 30, ohne Kinder, in einer festen Partnerschaft lebend, rief mich an. Sie habe meine Telefonnummer von einer mir bekannten Psychologin erhalten. Diese hatte jedoch zu dem Zeitpunkt keine freien Kapazitäten und hat ihr meine Nummer gegeben.

Ich arbeite in eigener Praxis alleine sowohl mit Einzelpersonen als auch mit Gruppen und Paaren hauptsächlich auf der Grundlage von NLP, Hypnose und autogenem Training.

Ich habe mit der Klientin einen Termin für das Erstgespräch vereinbart und nach einem ersten Kennenlernen eine ausführliche Anamnese erhoben. Ich halte es so, dass sowohl der Klient als auch ich die Möglichkeit haben, eine Entscheidung über die weitere Zusammenarbeit zu treffen. Jeder sollte beurteilen können, wenn er eine Basis der Zusammenarbeit nicht für möglich hält, weil das Vertrauensverhältnis nicht hergestellt werden kann. Daher habe ich eine Zeit von ca.15 Minuten vor dem eigentlichen Beginn eingeführt, die zum gegenseitigen "Beschnuppern" dient.

Während der Anamnese lasse ich die Klientin frei erzählen, was sie zu mir führt, wie es ihr geht etc., dann stelle ich – sollten mir noch nicht alle notwendigen Daten vorliegen – weitere Fragen zur Person, zum Umfeld und zur Lebenssituation und zu den Erwartungen, mit denen sie hierher gekommen ist.

Im Verlauf hat sich herausgestellt, dass die Klientin vor ca. zehn Jahren das erste Mal an einer Depression erkrankte und während weiterer acht Jahre mehrere depressive Phasen durchlitten hatte. Die Klientin ist regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen bei einem Facharzt für Psychiatrie vorstellig. Seit drei Jahren hatte sie keine weiteren depressiven Phasen. Zurzeit befindet sich die Klientin in einer beruflich sehr angespannten Situation, da sie aufgrund ihrer Krankheitsgeschichte nicht mehr ihre langjährige Tätigkeit als Ausbilderin ausüben kann. Sie sucht einen neuen Arbeitsplatz, der nur eine Halbtagsstelle sein soll, denn das erscheint ihr an Belastung angemessen.

Ihr Problem ist der Umgang mit der Situation, aus ihrem "alten" Beruf als Ausbilderin auszusteigen und eine angemessene neue Position zu finden. Sie war sich sehr unklar über ihren weiteren Lebensweg und wusste nicht, wo sie genau anfangen und wie sie die auf sie "einstürzenden" Umstände bewältigen sollte. Sie war sehr nervös und unsicher und konnte schlecht einschlafen, da sie ständig die Gedanken um die Zukunft im Kopf hatte.

Ich habe in diesem Zusammenhang zuallererst ein Entspannungsverfahren (autogenes Training) gewählt, um ihre erhöhte Grundspannung zu senken und ihr dadurch auch die Möglichkeit einer objektiven Betrachtung ihrer jetzigen Situation zu ermöglichen.

Während sechs Sitzungen hat sie die Grundübungen des autogenen Trainings eingeübt. Diese hat sie zu Hause regelmäßig weitergeführt und konnte schon nach wenigen Tagen für sich eine positive Veränderung ihrer Grundspannung feststellen. Im Verlauf der Therapie hat sie die Übungen erfolgreich weitergeführt und zunehmend mehr Gelassenheit und Ruhe entwickelt. Die Gedanken wurden dadurch auch etwas beruhigt, aber nicht in dem Maße, wie es sich die Klientin wünschte.

Ihr war es sehr wichtig, die Gedanken zur Ruhe bringen zu können. Ich habe begonnen, Imaginationen mit ihr zu erarbeiten zum Thema Gedankenkreisen. Sie hat ein Kettenkarussell entwickelt, dass mit weit schwebenden Sitzen immer im Kreis herumfährt. Sie hat sich vorgestellt, der Fahrer des Karussells zu werden, hat ihn genau beschrieben, wie er aussieht, was er anhat, wo er steht usw., eine ganz konkrete Person erschaffen. Und in die Rolle dieser Person ist sie geschlüpft. Sie hat sich mit allen Knöpfen des Karussells vertraut gemacht und sich auch zeigen lassen, wie man mit einem Karussell umgeht. Wie man es anfahren lässt, langsam, dann immer schneller und dann auch wieder langsamer werden lässt, bis es anhält.

Diese Art der Imagination hat der Klientin sehr geholfen, ihre immerwährend kreisenden Gedanken bewusst beeinflussen zu können. Durch die Veränderung der Geschwindigkeit und auch der Lautstärke und der Richtung (des Karussells als Imagination für ihre Gedanken) wurde ihr deutlich, dass sie die Gedanken steuert. Und irgendwann hat sich der Karussellführer auch mal einen Urlaub gegönnt und das Karussell während dessen in die Reparatur gegeben zur Überholung. Und mit dieser Vorstellung wurde der Klientin nach und nach klar und deutlich, dass sie selbst die Gedanken zu dem macht, was sie sind. Entweder sie sind übermäßig oder angemessen. Der Klientin tat diese Imagination im Zusammenhang mit dem autogenen Training sehr gut und sie hat sie für sich selbst regelmäßig angewendet.

Nach weiteren zehn Sitzungen war die Klientin in der Lage, ihre Gedanken vor dem Einschlafen in der Art zu beeinflussen, dass sie die Ruhe zum Einschlafen finden konnte. Und damit wurde auch der sehr große Druck des langen Wachliegens vor dem Einschlafen von ihr genommen.

Die Klientin ist in der Lage, sich Bilder sehr gut vorstellen zu können und sich in Situationen hineinzuversetzen. Das hat ihr in dem Fortschritt der Therapie sehr große Hilfe geleistet.

Die weitere Therapie hauptsächlich als Gesprächstherapie nach Rogers, entwickelte sich sehr positiv zu einem sehr guten kooperativen Verhältnis. Ich konnte mich als Therapeut aus der Rolle des Möglichkeitengebers immer weiter in die Rolle des Begleiters begeben, da die Klientin von Mal zu Mal mehr eigene Ideen und kreative Ansätze für die Bearbeitung ihrer Probleme fand.

Nach 20 Sitzungen war die Therapie beendet. Die Klientin hatte einen eigenen Weg gefunden, mit ihren Problemen und schwierigen Situationen umzugehen und war begeistert über ihre eigene Kreativität in Form von Imaginationen und Bildern, die sie mehr und mehr eigenständig einsetzte, um Situationen zu meistern. Sie konnte sich mittlerweile auch ein positives Bild von ihrem weiteren beruflichen Leben machen und hat sich genau vorstellen können, wie genau sie ihre neue Stelle finden würde und was genau sie dort tun würde. Das hat ihr sehr großes Vertrauen gegeben und sie förmlich "beflügelt", positiv in die Zukunft zu sehen.

Wir haben vereinbart, uns nach drei Monaten noch einmal zu treffen, um weitere Entwicklungen besprechen zu können. Nach drei Monaten haben wir uns zu besagtem Termin getroffen. Vor mir stand eine strahlende Frau, sehr selbstbewusst und in sich ruhend. Sie hatte mittlerweile eine Halbtagsanstellung gefunden und war glücklich und zufrieden mit ihrer Situation. Sie erzählte, dass sie immer noch das autogene Training anwende und auch weiterhin mit Imaginationen arbeite. Das tue ihr sehr gut und damit habe sie eine sehr gute Grundlage, ihren Alltag zu meistern und auch schwierigen Situationen standhalten zu können bzw. diese besser aushalten zu können. Wir sind beide übereingekommen, dass ein weiteres Treffen zu diesem Thema nicht nötig sei. Es haben sich bis dato auch keine weiteren Phasen der Depression eingestellt.

Ich habe aus dieser Begegnung erfahren, dass es sehr wichtig ist, den Klienten dort hinzuführen, wo er guten Zugang zu seinen Ressourcen und zu seiner Kreativität hat. Weiterhin habe ich erfahren, wie wichtig es ist, die Klienten ihre eigenen Bilder erschaffen zu lassen und sie selbst für den Fortschritt und die eigene Entwicklung zu motivieren. Und niemand hat so viel Erfahrung mit einem bestehenden Problem wie der Klient selbst. Und damit ist er auch Meister seines Problems und der dazugehörigen Lösung.

 

 

belastung

Tanja Pohlmann, geb. 1970, verheiratet, selbstständig in eigener Praxis tätig.
Psychotherapeutische Heilpraktikerin, Kursleiterin Autogenes Training nach den Richtlinien des BDP,
NLP-Practitioner DVNLP & IANLP, NLP-Master in Ausbildung.
Ausgebildet in klientenzentrierter Gesprächsführung nach Rogers, Hypnose nach Milton Erickson, Pro-Aktivem Coaching sowie Coaching mit Eye-Movements (basierend auf der Technik des EMDR), Supervision und Aufstellungen. Mitglied im VFP, Deutscher Verband für Neuro-Linguistisches Programmieren e. V. (DVNLP), American Board of Hypnotherapy (ABH), OMEGA – Mit dem Sterben leben e.V.