| Neurotisch krank? |
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Sie gelten neben Depressionen, Befindlichkeits- und Persönlichkeitsstörungen als die häufigsten seelischen Leiden unserer modernen Zeit: Neurosen bzw. neurotische Störungen. Allein in Deutschland sind schätzungsweise 14 bis 15 Millionen Menschen neurotisch krank. Neurotische Störungen gipfeln im dritten Lebensjahrzehnt, Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Eine „Neurose“ ist eine psychosozial bedingte Gesundheitsstörung ohne nachweisbare organische Grundlage, eine krankhafte Störung der Erlebnisverarbeitung, eine Betriebsstörung des psychischen Apparates. Nicht gelöste Konflikte, meist aus der Kindheit, werden zum Problem und äußern sich in seelischen, psychosozialen oder körperlichen Krankheitszeichen. Obwohl das Verhalten des Betroffenen stark beeinträchtigt sein kann, bleibt es – im Allgemeinen – innerhalb sozial akzeptierter Grenzen. Die Persönlichkeit bleibt also erhalten. Die neurotischen Krankheitszeichen sind unmittelbare Folge oder symbolischer Ausdruck des krankmachenden seelischen Konfliktes, der aber unbewusst bleibt. Neurotische Störungen zeigen sich durch auffallende, Mitmenschen beunruhigende Verhaltensweisen, Symptome oder Befindlichkeitsstörungen, deren Entstehung der Psychoanalytiker Sigmund Freud auf die Verdrängung von Triebwünschen zurückführt. Das auffallende Verhalten ist Symptom dafür, dass die Verdrängung nicht vollständig geglückt ist. Der Neurotiker schleppt also einen nicht ausreichend verarbeiteten oder verdrängten Konflikt mit sich herum. Er will seine Mitmenschen mit seinen Symptomen auf sich aufmerksam machen und bittet sie um Hilfe. Diese reagieren aber meist mit Abwehr auf das auffallende, negative Verhalten des neurotischen Kranken. Trieb-Abwehr-Konflikt
Merke: In der Spannung steckt immer ein (unbewusster) Trieb-Abwehr-Konflikt. Symptome einer neurotischen Störung Seelische Symptome: Angst, Depression, Zwangsgedanken/-handlungen Emotionale Symptome: Spannungsgefühle, Stimmungsschwankungen, Schuldgefühle, gestörtes Selbstwertgefühl, allgemeine Ängstlichkeit, Unsicherheit, Schamgefühl, Probleme im zwischenmenschlichen Bereich, nachlassendes Leistungsverhalten Körperliche Symptome: Schlafstörungen, sexuelle Störungen, Schmerzzustände Auslöser einer neurotischen Störung … sind bestimmte Belastungssituationen, äußere Lebensereignisse, wichtige Veränderungen im Leben. Das Ausmaß der Vorschädigung sowie die individuelle Persönlichkeitsstruktur bestimmen im Zusammenhang mit dem Lebensereignis im Zusammenspiel, ob der Mensch gesund bleibt oder ob er eine neurotische Störung entwickelt. In diesem Kampf spielen mehrere Faktoren eine Rolle: die individuellen Lebenserfahrungen, die inneren Kräfte, Abwehrmöglichkeiten, Kompensationsmechanismen, Kompetenzen, Ich-Stärke, soziale Umstände und das Vorhandenoder Nichtvorhandensein bestimmter Hilfs-/Unterstützungssysteme. Dazu kommen:
Die lange dominierende Vorstellung, dass ein einmaliges Ereignis in früher Kindheit für die spätere neurotische Entwicklung bestimmend sein müsse, wurde schon bald als nicht stichhaltig erkannt. Wichtiger erscheinen länger einwirkende Umwelteinflüsse, beispielsweise das Verhältnis zu Eltern, Geschwistern, weiteren Bezugspersonen, (Ehe-)Partnern sowie das Thema Erfolg oder Misserfolg im Beruf. Diagnose „neurotische Störung” Von einer neurotischen Störung spricht man, wenn folgende Bedingungen gegeben sind:
Abwehrmechanismen Bei der Entstehung einer neurotischen Störung spielen auf der einen Seite bestimmte Triebimpulse, auf der anderen Seite Abwehrvorgänge eine Rolle, die diese Triebimpulse neutralisieren sollen. Abwehr ist die Gesamtheit der unbewussten psychischen Vorgänge, die vor gefürchteten oder verpönten Triebimpulsen oder Affekten (Stimmungen, Befindlichkeiten) schützen sollen. Die wichtigsten Abwehrmechanismen sind: Identifikation: Persönlichkeitseigenschaften anderer Personen werden sich selbst zu eigen gemacht. Isolierung: Trennung von Inhalt und begleitenden Gefühlen. Damit werden bestimmte Gedanken von anderen Gedankenverknüpfungen isoliert und unschädlich gemacht. Projektion: Eigene Konflikte oder Wünsche werden in die Außenwelt verschoben und dort kritisiert, ohne zu wissen, dass man eigentlich selbst gemeint ist. Psychosoziale Abwehr: Handlungen, zu denen man andere anstiftet, die man sich selbst nicht getraut hat zu tun und sich damit entlastet. Rationalisierung: Versuch, einem abgewehrten Beweggrund eine moralisch akzeptable Lösung zu geben. Reaktionsbildung: Verkehrung ins Gegenteil, z.B. besonders freundliche Behandlung eines ungeliebten Menschen. Regression: Wiederbelebung früherer Verhaltensweisen, Rückzug in frühere, harmonischere Zeiten. Sublimierung: Triebimpulse werden umgewandelt in sozial, kulturell oder moralisch höher bewertete Formen dieser Aktivität. Eine Ersatzbetätigung. Verdrängung: Peinliche Impulse, die von innen kommen, werden ins Unbewusste verdrängt. Verschiebung: Aggressionen gegenüber einer bestimmten Person, gegen die man sich nicht getraut hat entsprechend aufzutreten, werden auf andere verschoben. Wendung gegen das Selbst: Bestimmte negative Triebimpulse werden gegen die eigene Person gewendet. Die neurotischen Störungen Neurotische Depression/depressive Neurose: Beschwerdebild: depressive Verstimmung, Minderwertigkeitsgefühle, Hemmungen, Gefühl von Hilf- und Hoffnungslosigkeit, Angst, Leistungseinbruch, vegetative Beeinträchtigungen (Müdigkeit). Selbsttötungsgefahr wenig ausgeprägt. Neigung zu wellenförmigem Verlauf mit Rückfall- und Chronifizierungsgefahr. Verschiedene Psychotherapie-Formen erfolgreich, zeitweise unterstützt durch (antidepressiv wirkende) Psychopharmaka. Zwangsneurose: Beschwerdebild: Zwangsgedanken und -handlungen, auf deren willentliche Unterlassung heftige Angstzustände folgen, deshalb die Neigung, den Zwängen nachzugeben. Heimliche Krankheit, da besonders schambesetzt und eine zeitlang gut zu tarnen, bis es schließlich zu ausgeprägten Beeinträchtigungen am Arbeitsplatz, im Freundes- und Bekanntenkreis kommt. Häufig Beginn schon in der Kindheit, Neigung zu langfristigem Verlauf. Je früher die Psychotherapie interveniert, desto günstiger. Verhaltenstherapie, anschließend stützende Psychotherapie; nicht selten kombiniert mit antidepressiven Psychopharmaka. Angstneurose Generalisiertes Angstsyndrom: Paniksyndrom: Therapeutisch möglichst früh Psychotherapie und bestimmte Psychopharmaka, v. a. bei Panikattacken Antidepressiva. Phobien: Krankhafte Befürchtungen, die sich angesichts bestimmter Situationen oder Objekte aufdrängen, obwohl eine völlige oder teilweise intellektuelle Einsicht in ihre Unbegründetheit besteht. Agoraphobie: Soziale Phobie: Spezifische Phobien: Phobien sprechen gut auf verhaltenstherapeutische Verfahren an, v. a. die Systematische Desensibilisierung. Hysterische Neurose/dissoziative Störung: Behandlung und Therapie Neurotische Störungen können in leichteren Fällen ggf. in eigener Initiative, in mittelschweren Fällen schon nicht mehr und in schweren Fällen nur mit einer professionellen psychotherapeutischen Behandlung gelindert oder gar behoben werden. Die wichtigsten Verfahren
Mit einer Psychotherapie kann man der Neurosen-Ursache auf den Grund gehen, das Problem an der Wurzel packen und erfolgreich therapieren. Neurotische Störungen können auch medikamentös behandelt werden. Serotonin-Wiederaufnahmehemmer z. B. gleichen das Ungleichgewicht im System der Botenstoffe aus. Auch Clomipramin, Fluoxetin, Fluspi und Sulpirid können vorübergehende Erleichterung bewirken. In manchen Fällen sind auch Maßnahmen zur gesellschaftlichen Wiedereingliederung erforderlich. Grundsätzlich ist aber zu bedenken, dass Medikamente lediglich die Neurosen-Symptome unterdrücken, sie therapieren aber nicht die Ursache der Neurose! Daher ist eine Psychotherapie deutlich empfehlenswerter und auch erfolgreicher!
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Neurotische Anteile hat jeder Mensch in sich. Der eine hat sie im Griff, der andere nicht. Wenn eine neurotische Störung Krankheitswert besitzt, haben sich die seelischen Mechanismen der Symptomentstehung verselbstständigt und sich dem Bewusstsein entzogen. Eine neurotische Störung hat auch fast immer einen lebensgeschichtlichen Bezug. Seit frühester Kindheit besteht in uns eine intrapsychische und unbewusste Konfliktkonstellation, die in der Auslösesituation durch Erhöhung der seelischen Spannung zur Symptombildung führt.
Abbas Schirmohammadi