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Wenn Sex keinen Spaß mehr macht …

2010-03-Sex1

...Sexualstörungen bei der Frau

Gute Sexualität ist für das körperliche und seelische Wohlbefinden jedes Menschen von großer Bedeutung. Viele Paare sehen sich allerdings einem zunehmenden Leistungsdruck hinsichtlich ihres sexuellen „Funktionierenmüssens“ ausgesetzt. Die Medien vermitteln einen Mythos immerwährender Leidenschaft und das Bild eines perfekten Sexualpartners. Die Werbung setzt auf Schönheit, nackte Haut und Sex – genau das, was der Mensch sehen will. Uns wird suggeriert, guter Sex müsse sein, sonst gehe die Beziehung kaputt. In Spielfilmen enden die Hauptdarsteller oft im Bett, Leidenschaft, Lust, Befriedigung, alles klappt reibungslos.

Sex ist in den Medien kein Tabuthema mehr. Britney Spears, Christina Aguilera, Lady Gaga, Paris Hilton etc. leben vor, wie es ist, Männer en masse zu haben, filmen sich auch noch dabei, vermarkten ihr Sexfilmchen weltweit und verdienen damit Millionen. Das ist trendy. George Clooney, Pierce Brosnan, Til Schweiger etc. sind die männlichen Sexsymbole und für Frauen eine Sünde wert. Im Internet ist Sex überall, hart und tabulos, alles ist vorhanden und für jeden einfach auffindbar.

So offen und häufig in den Medien über sexuelle Themen gesprochen wird, so sprach- und hilflos gehen viele Paare mit ihren eigenen Problemen im Schlafzimmer um. Versagensängste, gegenseitige Schuldzuweisungen oder Rückzug können einen Kreislauf in Gang setzen, der zu einer Sexualstörung führt.

Ab wann eine Sexualstörung vorliegt, lässt sich nicht ohne Weiteres sagen. Die Bandbreite der „normalen“ Sexualität ist groß, der Übergang zu einer sexuellen Störung fließend. Viele Faktoren beeinflussen das sexuelle Empfinden. Vor allem bei Frauen können Anspannung, Stress, Müdigkeit, Angst, Unsicherheit, körperliche Erkrankungen oder Probleme in der Partnerschaft dazu führen, dass sie die Lust am Sex verlieren.

Sexualstörungen der Frau können in verschiedenen Bereichen auftreten (z. B. Verlangen, Erregung, Orgasmus, sexuell bedingte Schmerzen) und betreffen weltweit nach Schätzung führender Ärzte und Sexualpsychologen viele Hundert Millionen Frauen.

Epidemiologische Studien (u. a. des Online- Gesundheitsportals Onmeda) ergaben, dass ca. 33 % aller deutschen Frauen (also jede dritte) unter sexuellen Funktionsstörungen leiden und regelmäßig und über längere Zeiträume wenig bis keine Lust auf Sex haben. Bei jeder fünften (19 %) treten Störungen der sexuellen Erregung auf, jede vierte (24 %) erreicht keinen oder nur selten einen Orgasmus, 14 % der Frauen klagen über Schmerzen beim Geschlechtsverkehr.

fotolia©DeklofenakBei der Entstehung von Sexualstörungen der Frau spielen sowohl seelische als auch körperliche Ursachen eine Rolle:

Ein Grundproblem vieler Frauen ist, dass sie sich in Bezug auf Sexualität oft unter Leistungsdruck setzen oder sich selbst zu kritisch beobachten. Diesem Druck können sie dann nicht gerecht werden.

Der weibliche Körper funktioniert anders als der männliche. Während der Mann „immer“ will, muss für die Frau das ganze „Drumherum“ stimmen, nur dann kann sie befriedigenden Sex erleben. Hat sie also Sex nur ihrem Partner zuliebe und ist eigentlich nicht wirklich in Stimmung, wird sie auch nicht auf ihre Kosten kommen und hinterfragt dann gleich, woran es gelegen hat: an ihrem Partner, an ihr etc.?

Ein anderes Problem ist ihr Verhältnis zu ihrem Körper. Viele Frauen sind unzufrieden mit ihrem Körper und lehnen ihn ab, genieren sich für Speckröllchen und sind beim Sex mehr darauf konzentriert, eine gute Figur zu machen als zu genießen. Auch das hinterlässt keine glückliche Frau.

Elterliche Erziehung. Wird Geschlechtsverkehr von den Eltern aus z. B. religiösen Gründen als unmoralisch angesehen und dieses Bild an die Tochter vermittelt, kann das bleibende Hemmungen, Scham- oder Schuldgefühle hervorrufen.

Probleme in der Partnerschaft. Tägliche Streitereien können sich negativ auf die Sexualität auswirken und den Genuss beim Geschlechtsverkehr wesentlich reduzieren.

Mangelnde Kommunikation über sexuelle Bedürfnisse.

Fehlende Zärtlichkeit, ungenügende Stimulation.

Veränderungen wie z. B. Familienzuwachs oder eine langweilige Eintönigkeit in der langjährigen Beziehung.

Fehlendes Einfühlungsvermögen und mangelnde Bereitschaft, auf die Bedürfnisse und Wünsche des Partners einzugehen. In den meisten Fällen wird Sex dann nur vom Mann als befriedigend und genussvoll empfunden, und Frauen finden sich damit ab, mit dem Partner keinen Orgasmus zu erleben.

Traumatische Erfahrungen (vom unangenehmen „ersten Mal“ bis hin zu sexuellem Missbrauch, Vergewaltigung).

Unzureichende Kenntnis des eigenen Körpers, z. B. durch fehlende Masturbationserfahrungen oder mangelnde Informationen über den Ablauf des Geschlechtsverkehrs, führen zu Unsicherheiten, die sexuelle Störungen begünstigen.

Schmerzen beim Sexualverkehr sind häufig durch organische Ursachen (z. B. Entzündungen, vernarbtes Gewebe, zu trockene Scheide, Vaginismus) bedingt.

Medikamente (vor allem Antidepressiva).

Auch die Angst vor ungewollter Schwangerschaft oder einer Geschlechtskrankheit behindert oft eine befriedigende Sexualität.

Klimakterium.

 

Welche Sexualstörungen bei der Frau gibt es?

Um die verschiedenen möglichen sexuellen Störungen bei der Frau zu verstehen, soll im Folgenden über den physiologischen Ablauf der sexuellen Erregung kurz berichtet werden.

Erregungsphase

Die Erregungsphase ist unterschiedlich lang, es gibt Frauen, die bereits 30 Sekunden nach Beginn der Erregungsphase einen Orgasmus haben. Zu den ersten Erregungszeichen zählt das Feuchtwerden der Scheide durch Transsudation durch das Scheidenepithel (Lubrikation), sie verfärbt sich dunkelrot, schwillt an, verlängert sich und wird weiter. Durch die vermehrte Durchblutung der Beckenorgane verändern sich auch die Schamlippen und der Kitzler, die Brustwarzen werden steif. Häufig wird eine Hautrötung beobachtet („sex flush“). Es zeigen sich Zeichen beginnender körperlicher Erregung, Blutdruck, Herz- und Atemfrequenz steigen.

Plateauphase

Die Erregungsphase geht in die Plateauphase über. Das Erregungsniveau wird bis zum Orgasmus unter zunehmender Rotfärbung der Schamlippen beibehalten. Die Vagina dehnt sich aus („Zeltphänomen“), die Muskulatur im unteren Scheidendrittel kontrahiert, der Scheideneingang verengt sich. Es bildet sich die sogenannte „orgastische Manschette“”, die Bartholinschen Drüsen sondern Sekret ab.

Hier erreicht die körperliche Erregung ihren Höhepunkt. Es erfolgen rhythmische Kontraktionen der orgastischen Manschette und der übrigen Muskulatur im kleinen Becken. Gleichzeitig tritt eine Aufmerksamkeitsverengung ein. Raum, Umgebung und äußere Reize werden kaum noch wahrgenommen. Die körperlichen Reaktionen sind sehr verschieden: Schreien, Stöhnen, Wimmern, Stillsein, Festklammern des Partners, Beißen oder Kratzen.

Die Intensität des Orgasmus ist nicht bei jeder Frau gleich und wird durch Dauer der Erregungssteigerung, der vorherigen sexuellen Enthaltsamkeit, Stress, Gesundheit, Alkoholkonsum und andere Faktoren beeinflusst.

Rückbildungsphase

Nach wenigen Sekunden bereits werden die Kontraktionen schwächer und hören auf. Schamlippen, Klitoris und Scheide nehmen ihre normale Größe und Farbe wieder an, der „sex flush“ verschwindet. Blutdruck, Herz- und Atemfrequenz normalisieren sich. Das volle Bewusstsein kehrt zurück.

Im Unterschied zum Mann kann die Frau unmittelbar nach dem Orgasmus wieder erregt werden und mehrere Orgasmen hintereinander erleben.

Bei den Sexualstörungen der Frau wird unterschieden

Störungen des sexuellen Verlangens (Appetenz):
Die Betroffenen haben kaum bis keine sexuellen Fantasien oder Bedürfnisse, manche lehnen eine sexuelle Beziehung regelrecht ab. Wenn sie Sex haben, sind sie sehr zurückhaltend und zeigen kaum Initiative oder Leidenschaft.

Störungen der sexuellen Erregung:
Trotz sexuellem Reiz wird nur wenig oder keine Scheidenflüssigkeit produziert. Diese Trockenheit sorgt dafür, dass der Geschlechtsverkehr oft schmerzhaft für sie ist. Das Gefühl von Erregung und Lust fehlt.

Orgasmusstörungen:
Der Höhepunkt findet nicht, kaum, verzögert oder verzerrt statt.

Störungen mit sexuell bedingten Schmerzen

Wir unterscheiden:

  1. Vor, bei oder nach dem Geschlechtsverkehr treten wiederholt anhaltende genitale Schmerzen auf (= Dyspareunie).
  2. Es kommt zur unwillkürlichen Verkrampfung der Vaginalmuskulatur, die den Geschlechtsverkehr unmöglich oder schmerzhaft macht (= Vaginismus).

Diagnose

fotolia©AnjaRoesnickSexualstörungen der Frau werden in der Regel in einem psychodynamischen Gespräch festgestellt. Spontane Gefühlsäußerungen der Frau liefern oft wertvolle Informationen über bestehende Konflikte, ihre Einstellung zu Sex, die Beziehung zu ihrem Partner etc. Um die Diagnose einer sexuellen Funktionsstörung stellen zu können, gilt es zu prüfen, ob tatsächlich Symptome mit Krankheitswert vorliegen, oder ob die berichtete Problematik eher ein Ausdruck überhöhter Erwartungen bezüglich der normalen sexuellen „Leistungsfähigkeit“ ist. Insbesondere bei Störungen mit sexuell bedingten Schmerzen erfolgt eine gründliche körperliche Untersuchung, um mögliche Ursachen (z. B. Entzündungen) festzustellen.

Therapie

Als mögliche Therapieformen kommen eine Sexualberatung, eine Sexualtherapie oder eine Psychotherapie (Einzel- oder Paartherapie) in Frage.

In der Sexualberatung vermittelt der Therapeut wichtige Informationen über Sexualität und den Geschlechtsverkehr, hilft, sprachliche Hemmungen abzubauen, korrigiert mögliche Fehlvorstellungen und gibt konkrete Ratschläge und Empfehlungen.

In der Sexualtherapie (immer Paargespräch!) werden sexuelle Konflikte geklärt und Vermeidungsverhalten und Sexualängste abgebaut. Die Wahrnehmung sexueller Körperreaktionen wird verbessert, verankerte sexuelle Verhaltens- und Einstellungsmuster werden durchbrochen und verändert. Auch Anleitungen zu Körperübungen sind oft Teil der Therapie.

Wenn neben den sexuellen Funktionsstörungen noch weitere Konflikte oder psychosomatische Symptome auftreten, ist eine Psychotherapie – vor allem eine Verhaltenstherapie – angezeigt.

Um das sexuelle Genussempfinden zu steigern und Angstgefühle und Leistungsdruck zu reduzieren, wurde ein mehrstufiges Therapieprogramm entwickelt: Zunächst wird das Paar aufgefordert, zueinander zärtlich zu sein, ohne dabei den Geschlechtsverkehr zu vollziehen („Streichelübungen“). Dabei sollen die Partner abwechselnd eine aktive oder eine passive Rolle einnehmen, d. h. einmal nur Zärtlichkeiten geben und dann wieder nur die Berührungen des anderen empfangen. Im zweiten Schritt soll der jeweils passive Partner die Hand des anderen führen; erst jetzt ist das Berühren der Geschlechtsorgane erlaubt. Es soll zu sexueller Erregung, aber immer noch nicht zum Geschlechtsverkehr kommen. So erfahren die beiden, dass sie Intimitäten austauschen können, ohne dass es zum Sex kommen muss. Auch lernen sie den Körper und die Bedürfnisse des Partners besser kennen. Schließlich sollen sie sich spielerisch dem Geschlechtsverkehr nähern. Wichtig ist es dabei, dem Paar zu vermitteln, dass es jetzt zum Geschlechtsverkehr kommen darf, aber nicht muss. Die Betroffenen müssen lernen, über das tabubeladene Thema Sex zu sprechen und ihre eigenen Vorstellungen und Wünsche zu formulieren. Dabei können auch mögliche übersteigerte Erwartungen aufgedeckt und bearbeitet werden.

Für viele Frauen ist es wichtig, bewusste Erfahrungen mit Selbstbefriedigung zu sammeln. Sie sollen dadurch ihren Körper und ihre Bedürfnisse besser kennenlernen und sich selbst als sexuelle Wesen erfahren und akzeptieren. Der Partner kann in die Selbstbefriedigung eingebunden werden.

Bei sexuell bedingten Schmerzen sollten vorliegende organische Ursachen behandelt werden. So können z. B. in der Menopause Hormone verabreicht werden, die die Produktion von Scheidenflüssigkeit steigern. Eine verhaltenstherapeutische Behandlung ist auch hier indiziert (z. B. systematische Desensibilisierung).

Ist die Sexualstörung aufgrund traumatischer Erfahrungen entstanden, sollten diese Erlebnisse zunächst in einer Einzeltherapie behandelt werden.

Vorbeugen

Eine generelle Methode zur Vorbeugung sexueller Funktionsstörungen der Frau gibt es nicht. Auf individueller Ebene ist es ratsam, frühzeitig das Gespräch mit dem Partner zu suchen, wenn sexuelle Schwierigkeiten auftreten. Wird das Thema bspw. aus Scham nicht angesprochen, besteht die Gefahr, dass Erwartungsängste entstehen, die wiederum einer erfüllenden Sexualität entgegenstehen. Auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und persönlichen sexuellen Vorlieben kann dazu beitragen, das Auftreten sexueller Störungen zu verhindern.

Abbas Schirmohammadi Abbas Schirmohammadi
Heilpraktiker für Psychotherapie (Mitglied im VFP), Personality Coach, Psychologischer Management-Trainer und Mediator. Der ehemalige TV-Moderator ist seit vielen Jahren Dozent der Deutschen Paracelsus Schulen und Buchautor. Seine Bücher:
Der ultimative „Coaching für Paare“-Ratgeber
Der ultimative „Coaching für Singles“-Ratgeber
Das ultimative „Sprücheklopfer“-Buch
Das Erfolgsbuch
Das Leben ist ein Skandal! 2 Männer – 2 Meinungen
Sprücheklopfer reloaded – Psychologie & Philosophie für jedermann
www.abbas-schirmohammadi.de
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