In einem andern Land

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Oder die Mär über die Reichen und Schönen: eine Korrektur missverständlicher Informationen

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Besonders in jüngster Vergangenheit wurde im Zusammenhang mit Prominenten, die suchtauffälliges Verhalten zeigten, in unseren Medien wiederholt darüber berichtet, sie hätten sich in die "Betty Ford Klinik" in Behandlung begeben. Diese Darstellung ist nicht richtig. Das Betty Ford Center in Rancho Mirage, Californien, USA dementiert entschieden derartige Veröffentlichungen mit dem Hinweis, dass es sich hierbei um eine deutsche Klinik handelt, die mit einer irreführenden Namensgebung den Trugschluss zulässt, der oder die Betroffene würde sich im Betty Ford Center aufhalten. Der folgende Bericht bezieht sich auf die persönlichen Eindrücke des Autors, der sich auf Einladung des BFC sein eigenes Bild dieser wohl namhaftesten und weltweit renommiertesten Suchtund Drogenklinik machen konnte.


MEHR WISSEN. MEHR HOFFNUNG

Als Sozialarbeiter und Suchtberater arbeite ich in einer autonomen Einrichtung eines Zentrums für Sozialpsychiatrie und in einer Beratungsstelle moderiere ich ehrenamtlich die Gruppenarbeit. Meine eigene suchttherapeutische Arbeit im Sinne von Beratung und Betreuung konzentriert sich vornehmlich auf Klienten, die mir von befreundeten und mit mir kooperierenden Arztpraxen vermittelt werden.

Schon lange war mir bewusst, dass meine bislang erworbenen fachlichen Kenntnisse es zwingend notwendig werden ließen, diese mit einem qualifizierten Auslandsaufenthalt zu komplettieren. Umgangssprachlich also, einmal über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen.

Nach beinahe einjährigen intensiven Bemühungen wurde mein Wunschtraum wahr. Im Frühjahr d. J. erhielt ich eine Einladung des Betty Ford Center in Rancho Mirage, Californien, um am dortigen Ausbildungsprogramm Inpatient Professional In Residence teilzunehmen, welches Ärzten, Therapeuten, Suchtberatern und Angehörigen von Gesundheitsberufen in den USA die Möglichkeit bietet, an der vollstationären Behandlung teilzunehmen, wobei der Schwerpunkt der Hospitation nicht auf dem theoretischen, sondern dem erfahrungsmäßigen Erkenntnisgewinn liegt. Gerade diese Besonderheit sollte für mich einen gravierenden Stellenwert einnehmen, um meinen hiesigen Klienten konzeptionelle Alternativen und Hoffnung auf ein erfolgreiches Bewältigen ihrer Abhängigkeit vermitteln zu können.

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EIN WENIG GESCHICHTLICHES

Im Betty Ford Center werden alkoholund drogenabhängige Patienten in einer 4-wöchigen Behandlung erfolgversprechend entgiftet und entwöhnt.

Betty Ford, die ehemalige First Lady und Gattin des 38. Präsidenten der USA, nach der das Suchttherapie-Zentrum benannt wurde, konsumierte schon zu ihrer Zeit im Weißen Haus bedenkliche Mengen an Medikamenten und Alkohol. Mit Ende der Amtszeit des Präsidenten und dem damit verbundenen Auszug aus Washington in den Süden Kaliforniens, wo ein standesgemäßer Ruhestand mit Golf und Dinner-Partys sich ankündigte, eskalierten Betty Fords Suchtprobleme derart, dass sie sich auf Anraten der Ärzte einer Entwöhnungsbehandlung im Naval Hospital in Long Beach unterziehen musste.

Bedenkt man, dass dieser "Vorfall" beinahe dreißig Jahre zurückliegt, ist es leicht nachvollziehbar, wie schwer es für eine Frau in dieser außergewöhnlichen Position gewesen sein musste, sich damals öffentlich über ihre Krankheit zu äußern. Doch genau das gab ihr den Mut und sie gelangte zu der Überzeugung, es sich zur Aufgabe machen zu müssen, anderen Menschen den eigenen Weg aus der Abhängigkeit aufzuzeigen. Bald darauf, nach einem unglaublichem Spenden- Marathon und Reisen mit Fernsehauftritten quer durch die Staaten, konnte der Grundstein 1982 für das heutige Betty Ford Center gelegt werden.

DORT, WO DIE STILLE WOHNT

Der Besucher traut seinen Augen nicht: Gerade der Hektik des kalifornischen Wochenendverkehrs entkommen und zügig den Highway 101 verlassen, glaubt man zunächst eine Mondlandschaft zu durchfahren, bis sich einem das Gelände des Betty Ford Center offenbart. Dieses satte Grün des Rasens, prächtige Bougainvillea mit rosavioletten Hochblättern, Palmen überall und Seenlandschaften, die zum Ruhen und Entspannen einladen, versetzen einen in den Glauben, hier befände sich das Paradies. Doch weit gefehlt, hier schaut man auf architektonisch perfekt gestylte Flachbauten, die sich harmonisch in dieses einmalige Stück Land integrieren, hier ist man darauf spezialisiert, Abhängigkeitserkrankungen zu behandeln.

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Gebaut ist das Zentrum im Pavillon-Stil, wobei die für Frauen und Männer getrennten Häuser insgesamt 80 Betten aufweisen. Die einzelnen Pavillons sind für jeweils 20 Patienten konzipiert, die über acht Doppel- und ein Vierbettzimmer verfügen. Es wird immer wieder kolportiert, einst in jämmerlichen Zustand hätte Betty Ford selbst ihren Aufenthalt im U. S. Naval Hospital Long Beach in einem Vierbettzimmer verbringen müssen und jeder Einwand, sie sei doch die First Lady wurde von der Krankenschwester abschlägig mit dem Hinweis beschieden, hier seien alle Patienten gleich. Ohne Ausnahme.

Liest man die einschlägige Klatsch- und Tratschpresse oder sieht im Fernsehen sogenannte Promimagazine, die über das Betty Ford Center berichten, wird man in den Glauben versetzt, diese Klinik sei der Erholungsort der Reichen und Schönen, was ich als absolut unzutreffend kritisieren möchte. Klar, dass ich eine Schweigepflichterklärung unterschreiben musste, trotzdem möchte ich anmerken, dass das überzogene Selbstbild "Ich bin doch etwas Besonderes" hier keine Geltung hat. Egal, wie prominent oder bedeutend jemand in seiner Außenwelt war, in seiner Gruppe ist er oder sie einfach Jack, der Alkoholiker oder Marilyn, die Drogenabhängige. Dabei werden zwischen den einzelnen Suchtpatienten keine Unterschiede gemacht, wie auch soziodemografische Merkmale irrelevant erscheinen. Mehr als 90 Prozent der Patienten kommen aus Gesellschaftsschichten, die nicht im Rampenlicht von Film, Fernsehen und Showbusiness, Politik oder Management stehen. Die meisten stammen aus der Mittel- viele von ihnen gar aus der Unterschicht. Trotzdem ist es wohl richtig, dass im Laufe der Jahre eine große Anzahl von Prominenz sich hier einer Therapie unterzog. Ich neige deshalb eher dazu, die hierher kommenden Abhängigen auf die gängige Floskel zu reduzieren: Menschen wie du und ich. Und gerade dieser Punkt meiner Betrachtung erscheint mir extrem erwähnenswert. Schließlich kommt für jeden Patienten, ohne Ausnahme der Zeitpunkt, sich mit seiner persönlichen Geschichte und den damit verbundenen schamvollen Momenten seiner Abhängigkeitskarriere zu öffnen.

Man wird unweigerlich Zeuge, wie jeder Einzelne Tag für Tag wieder optimistischer in die Zukunft blickt, gesünder aussieht, freier über sich und seine Probleme sprechen kann und wieder neue Hoffnung schöpft, ein zufriedenes abstinentes Leben zu führen. Dieser seelische Striptease, gepaart mit einer für viele Patienten ungewohnten Intensität an Nähe, die aus einer gemeinsamen Betroffenheit erwächst, ist für alle das wichtigste Erlebnis ihrer vierwöchigen Behandlung. Mit dieser Erfahrung der Nähe und beseelt von einem beinahe militärischen Corps-Gedanken, durchbrechen viele für immer ihre Isolation der Sucht und übertragen diese positive Gruppenerfahrung auf ihre spätere Selbsthilfegruppe, in der Regel die Anonymen Alkoholiker, deren Teilnahme auch für die Zeit nach der Entwöhnungsbehandlung für jeden eine eminent wichtige Rolle spielen wird. Dazu später mehr.

In einem Punkt sind sich alle Patienten einig. Es erscheint ihnen beinahe unvorstellbar, vier Wochen ohne Handy auszukommen, mit drei anderen Patienten ein Zimmer zu teilen, sich in diesem Umfeld selbst zu organisieren und das Gelände während ihrer Therapie nicht verlassen zu dürfen.

WIE FRUCHTBAR IST DER KLEINSTE KREIS

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… wenn man ihn wohl zu pflegen weiß. Meine Erfahrungen hinsichtlich deutscher Konzepte für Entwöhnungsbehandlungen, zahlreiche Gespräche mit Patienten, aber auch Mitarbeitern und Therapeuten diverser Klinikstandorte, weisen derart gravierende Unterschiede ihres Leistungsspektrums gegenüber dem des Betty Ford Center auf, dass auch hier klar zum Ausdruck kommt, dort befindet man sich in einer fremden therapeutischen Welt, in der nichts zählt als nur die Gruppe.

Zusätzlich wird dieses Gruppengefühl verstärkt durch unterschiedliche Rituale im Patientenalltag, die teils an Filme amerikanischer Football-Spieler erinnern, in denen ein Gruppenkreis gebildet wird, die Teilnehmer die Arme auf die Schultern des Nachbarn legen und den Gelassenheitsspruch aufsagen. Oder in anderen Fällen beim Verlassen des Gebäudes lautstark und in der Tonalität wie US-Marines, die "Dupont-Hymne" anstimmen, quasi Schlachtruf ihres Pavillons, nach dessen Investor benannt.


Besonders hervorzuheben ist in der Gruppenbetrachtung das hohe Maß an gegenseitigem Respekt und Verantwortung. Versuchen beispielsweise Neuankömmlinge in den ersten Tagen ihres Aufenthaltes die Therapie abzubrechen, sind es die Mitpatienten, die sie vehement ermutigen, jetzt nicht aufzugeben. Es liegt auf der Hand, dass der Auslöser für den starken Zusammenhalt und das gegenseitige Engagement an den persönlichen Eindrücken der Gründerin liegt, die zu Zeiten ihrer eigenen Therapie, obgleich sie anfänglich diese Nähe ablehnte, zu einem Großteil von den liebevollen mitmenschlichen Zuwendungen und der Empathie profitierte, was konzeptionell unweigerlich in ihre eigenen Therapievorstellungen einfließen musste.

ZWÖLF SCHRITTE IN EIN NEUES LEBEN

Die Ausrichtung des Therapieprogramms, das hier zur Anwendung kommt, könnte als kognitiv-behavioristisch bezeichnet werden. Die bei uns zunehmend ausgebaute Psychotherapie hingegen, spielt im Betty Ford Center eher eine untergeordnete Rolle. Die zunächst vielleicht als befremdlich anmutende "therapeutische Pflichtlektüre" ist im Blauen Buch der Anonymen Alkoholiker festgelegt, Basis für die täglichen Studien und Wege zur Selbsterkenntnis, woraus sich das sogenannte 12-Schritte-Programm ableiten lässt.

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Ein ganz normaler Tag im Betty Ford Center beginnt bereits um 6 Uhr morgens. Nach dem Frühstück und anschließender Medikamentenausgabe ist es Zeit, ein kleines Lauftraining oder einen Spaziergang einzulegen. Zur Meditation trifft man sich danach, um den eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen oder etwa ein Kapitel aus dem Blauen Buch zu verinnerlichen.

In einer Art Hörsaal finden die täglichen Vorlesungen zu den Themen Sucht, Gesundheit, Schuld und Scham und Zusammenwirken spiritueller Komponenten des 12- Schritte-Programms für alle Patienten statt. Um 10 Uhr beginnt die Gruppentherapie, aufgeteilt auf jeweils 6-8 Teilnehmer. Die Therapeuten, hier Counselor genannt, sind als Suchtberater ausgebildet und bringen selbst die Erfahrung eigener Suchtabhängigkeit und langjähriger Abstinenz mit.

Vorrangig gilt es, die krankheitsbedingte allgegenwärtige Verleugnung zu durchbrechen, was beinhaltet, dass jedes Gruppenmitglied zehn negative Folgen seines Suchtverhaltens aufzuarbeiten und in der Gruppe vorzutragen hat. Dabei kann es zu recht massiven Rückmeldungen aus der Gruppe kommen, die umgehend nachhakt, wenn sie der Meinung ist, in der Erzählung hätten sich Unwahrheiten oder gar eine lückenhafte und beschönigende Darstellung ergeben.

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Nach dem Mittagessen, das die leichte kalifornische Küche repräsentiert und ebenso eine Auswahl an diätischer Zubereitung sowie ein umfangreiches Salat-, Dessertund Obstangebot beinhaltet, geht es zurück in die Gruppe. In der Regel trägt jetzt, nach vorheriger Absprache, ein Patient seinen ersten, für sich schriftlich erarbeiteten Schritt vor. Das bedeutet, er wird im einzelnen beschreiben, wie er seinen eigenen Verfall, die Machtlosigkeit gegenüber der Sucht wahrgenommen hat und wie sich sein Leben und auch das Miteinander mit dem Partner immer weniger meistern ließ. Keine Frage, das erfordert ein hohes Maß an Mut, Selbsterkenntnis, Demut sowie das Ertragen von Schuld und Scham. Einige Patienten neigen eher dazu, eine oberflächliche Betrachtung ihres Suchtverlaufs zu dokumentieren, was die Gruppe sofort zur Kenntnis nimmt und entsprechend unmissverständlich darauf reagiert, um so den Patienten auf eine absolute und wahrheitsgetreue Version einzustimmen. Ein Kraftakt für alle Beteiligten.


Die Nachmittage sind ausgefüllt mit weiteren Therapiebausteinen, wie z. B. Bewegungsund Sporttherapie im Trainings-Center oder Schwimmbad unter der Anleitung von Physiotherapeuten und Sportlehrern, die Teilnahme von älteren Abhängigen in Seniorengruppen, eine weitere für Patienten mit Trauerprozessen, Einzeltermine mit der Diätberaterin oder den seelsorgerischen Betreuern, hier Spiritual Counselor genannt, die Abklärung klinisch-psychologischer Tests oder einfach nur die Bearbeitung gestellter Hausaufgaben, beispielsweise nach der Lektüre im Blauen Buch. Nach dem Abendessen steht erneut für alle Teilnehmer eine Informationsveranstaltung auf dem Programm mit anschließendem Besuch der Selbsthilfegruppe.

GEMEINSAM SIND SIE STARK

Bereits in den ersten Jahren nach der Gründung des Betty Ford Center war dem Führungsgremium klar, dass sich Suchterkrankungen auf alle Mitglieder einer Familie auswirken und der Leidensdruck der Angehörigen deren Leben oft erheblich beeinträchtigt. Dabei glauben die meisten von ihnen, dass sich die Familie wieder stabilisieren wird, sobald der Abhängige die Flasche stehen lässt und Abstinenz gelobt. Da dies meist nicht der Fall ist, nahm das BFC dies zum Anlass, eine Familienwoche einzurichten, an der heute die Angehörigen von mehr als zwei Dritteln der Patienten teilnehmen.

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Naheliegend, dass die meisten Angehörigen erwarten, dass ihnen das Team aufzeigt, wie sie den Abhängigen noch besser kontrollieren und seine Abstinenzbemühungen unterstützen könnten. Das Team erklärt jedoch, dass gerade diese Verhaltensweisen es ermöglichten, den Krankheitsverlauf so lange aufrecht zu erhalten. In intensiven Meetings werden die Familien darin bestärkt, eine ultimative Bilanz ihrer Verluste zu ziehen, die sie im Verlauf der Suchterkrankung ihres Angehörigen hinnehmen mussten. In kleinen Therapiegruppen werden sie damit vertraut gemacht, sich ihrem Schmerz, dem Selbstwertverlust und ihren damit einhergehenden Wut- und Hassgefühlen zu stellen und diese zu verarbeiten. Dabei wird nicht selten offenbar, dass bereits bei einem hohen Prozentsatz in der Herkunftsfamilie ein Elternteil oder sogar beide Alkoholiker waren.

Jugendliche ab 13 Jahren sind in der Familienwoche mit den Erwachsenen zusammen. Besonderes Augenmerk richtet sich jedoch auf die Kinder zwischen sieben und dreizehn Jahren, die ihre eigene Gruppe aufsuchen, wo konzentriert mit gestalterischen Mitteln, Bildern, Zeichnungen und spielerischen Tätigkeiten an das Thema der gestörten Familienbeziehungen herangegangen wird. An zwei Abenden der Woche ist die Teilnahme an Selbsthilfegruppen für Angehörige Abhängiger (ALANON) anberaumt. Alle Familienmitglieder der Abhängigen bleiben innerhalb der Familienwoche weitgehend unter sich und haben nur minimalen Kontakt zu dem Suchtkranken.

DU BIST NICHT ALLEIN

Eigentlich wollte ich für diese Überschrift, aus gutem Grund versteht sich, einen anderen Titel wählen: "You’ll Never Walk Alone". Leider wird dieser Song, ursprünglich 1945 von Roger&Hammerstein für ein Musical komponiert, mittlerweile in vielen Fußballstadien von den unterschiedlichsten Interpreten so nervtötend abgedudelt, dass er seine wahre Stärke einbüßte. Schade, beinhaltet er für mich doch so bewegende Zeilen, dass ich ihn gerne meinen amerikanischen Freunden gewidmet und ihn zur BFC-Hymne erkoren hätte. Warum?

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Trotz aller Intensität des Programms des BFC und der hier veranschlagten Dichte der wahrzunehmenden Einzeltermine lässt vorrangig die Zeit der Nachsorge vielleicht Zweifel aufkommen, inwieweit der Abhängige auf eine abstinente Zukunft hoffen kann. Absolut unbegründet, übrigens.

Denn auch in diesem Zusammenhang zeigt sich das BFC vorbildlich und extrem patientenorientiert. Mit einem weltweit nicht zu überbietenden Netz ehemaliger Center- Patienten (Alumni), die sich als Kontaktpersonen in ihrem Heimatort zur Verfügung stellen und die mannigfaltigen Probleme in der Startphase eines "neuen" Lebens zu lösen helfen. Es ist also völlig nebensächlich, ob der abgehende Patient in Atlanta oder in Zanesville lebt. So entstand ein schier unglaubliches Netzwerk von Tausenden ehemaligen Patienten.


Erwähnenswert auch der enge Kontakt zu den in der näheren Umgebung befindlichen AA-Selbsthilfegruppen, die ab der dritten Behandlungswoche die Nachsorge und Gruppenteilnahme plant, wobei der Besuch des abgehenden Patienten bereits telefonisch durch das BFC-Personal avisiert wird.

Für Patienten, die nach eigenen Angaben oder durch Einschätzung des betreuenden Teams, nicht sofort in ihre Wohn- und Arbeitsumgebung zurückkehren können, wird eine Sondermaßnahme erarbeitet. Dies kann z. B. durch die mehrwöchige Teilnahme am Tagesklinik-Programm oder einem Aufenthalt in einer "trockenen" Wohngemeinschaft außerhalb des Centers geschehen.

BYE FOR NOW
UND AUF EIN WIEDERSEHEN


Ich bin mir dessen bewusst, wie stark positiv geprägt, ja beinahe blauäugig und superlativisch sich meine Eindrücke, die ich während des Aufenthaltes im BFC gewinnen konnte, hier ausmachen und etwaige Vergleichsanalysen mit hiesigen Klinikaufenthalten ad absurdum geführt werden müssen.

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Alleine die Tatsache, dass es sich beim BFC um eine Stiftung als Non-Profit-Organisation handelt und sie keinen unternehmerischen Zwängen unterliegt, dass amerikanische Patienten ein unzureichendes Gesundheitssystem mit teilweise unzumutbaren persönlichen Zuzahlungen in Anspruch nehmen müssen und oft dazu nicht einmal in der Lage sind, verbietet schon, irgendwelche Parallelen zu ziehen. Allerdings: Kein Patient wurde aus wirtschaftlichen oder finanziellen Gründen je abgewiesen.

Seien Sie jedoch versichert, verehrter Leser, Freunde, Kollegen und Kolleginnen, dass ich mich bei meiner eigenen Beurteilung von Pro und Contra in keiner Weise von Oberflächlichkeiten leiten ließ. Eine vierwöchige stationäre Behandlung ist in der Tat eine zu kurze Zeit, um, gemessen an der Zielsetzung, eine dauerhafte Abstinenz erreichen zu wollen. Denke ich jedoch an meine eigene Langzeittherapie von 90 Tagen, wird mir heute im Rückblick klar, dass sich viel sinnlos und ohne mein Zutun dort verbrachte Zeit meines persönlichen Klinikaufenthaltes um ein Beträchtliches hätte minimieren lassen.

Letztendlich zählt für mich nur, dass ich um eine nicht zu missende Erfahrung reicher wurde, und ich bin glücklich über die Freundschaften, die ich sowohl mit "meinen" Patienten als auch mit der gesamten Führungs- Crew und deren Mitarbeitern schließen konnte. Es ist mein erklärtes Ziel, diese Momente der Zuneigung und des liebevollen Entgegenkommens in meine tägliche Arbeit einfließen zu lassen. Und dass ich das Privileg genoss, diese einmalige Gelegenheit wahrzunehmen, und für nächstes Jahr erneut eingeladen worden zu sein, bestätigt überzeugend die gegenseitige Wertschätzung und den harmonischen Verlauf meines Aufenthaltes.

Danke BFC.



Michael Roth
Sozialarbeiter, Suchtberater und Coach. Er arbeitet in einer autonomen Einrichtung eines Zentrums für Sozialpsychiatrie. In einer Psychosozialen Beratungsstelle moderiert er die Gruppenarbeit und ist als Dozent seit 2007 im Fachbereich Sucht der Paracelsus Schulen tätig. In seiner eigenen therapeutischen Tätigkeit liegt der Schwerpunkt bei Methoden und Konzepten sowie deren Umsetzung, die neue Wege aus der Abhängigkeit zum Ziel haben.
Finkenhofstraße 20, 60322 Frankfurt
Mobil 0162 / 9 691347, www.sucht-reha.de