Mehr Mut zur eigenen Courage

Angst birgt die Enge

Angstgeplagte Menschen kennen das Gefühl der Beklemmung, den Blick durch einen Tunnel und die zusammengeschnürte Brust. Auffallend häufig ist das logische Denkvermögen in Angstzuständen deutlich eingeschränkt.

2007-02-courage1Angst in ihren verschiedenen Ausdrucksformen ist heute Gott sei Dank kein Tabuthema mehr. Phobien und Zwangsneurosen finden professionelle Behandlung, Literatur, Präventionsarbeit und Selbsthilfegruppen tragen ebenfalls zum konstruktiven Umgang mit dem Thema bei.

Eine bisher noch kaum erforschte Nische ist die berufsbedingte Angst. Bei der Angst am Arbeitsplatz geht es meist um Leistungsängste oder soziale Ängste. Leistungsängstliche MitarbeiterInnen sind häufig Perfektionisten und setzen sich durch hohe Ansprüche zusätzlich unter Druck. Sozial Ängstliche leiden hingegen häufig unter dem Gefühl der Beobachtung, Ausgrenzung oder Isolation.

Die BKK berichtet in ihrer letzten Studie, dass der Anteil psychischer Störungen am Krankheitsaufkommen im Job bei 8,9 % liegt. Auch die DAK berichtete bereits in ihrem Gesundheitsreport 2005 von einem Wert, der sogar noch darüber lag (2004: 9,8 %). Tatsache ist: Der Arbeitsausfall aufgrund psychischer Ursachen stieg in den letzten Jahren enorm. Überproportional hoch war der Zuwachs an Angstörungen. Eine Tatsache, der weder betriebspsychologisch noch betriebswirtschaftlich ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt wird.

ANGST ALS REAKTION AUF FEHLENDE SELBSTWIRKSAMKEIT

Ängstlichen ArbeitnehmerInnen mangelt es in vielen Fällen an Selbstwirksamkeit. Sie sehen keine Möglichkeit, selbst etwas an der bedrückenden Situation zu ändern. Vielfach ist die Angst davor, gewohnte Verhaltensmuster aufzulösen, ein zusätzlicher Angstverstärker. Die angstauslösende Situation wird also noch bekräftigt durch die Angst, sich auf neues, unbekanntes Terrain zu begeben.

Gerade bei beruflicher Unzufriedenheit wird Angst in Verbindung gebracht mit der Verantwortung für die eigene Lebenssituation. Es entsteht der Bezug zum Schuldgefühl, eigene Lebenschancen verpasst oder nicht realisiert zu haben.

Manchmal entsteht Angst am Arbeitsplatz auch dadurch, dass sich der Mitarbeiter in einem Umfeld ungewisser, unklarer Strukturen wiederfindet. Das hat Orientierungslosigkeit zur Folge. Arbeitnehmer können weder Rollenverständnis noch Inhalte klar für sich definieren.

Für Vorgesetzte ist es ausgesprochen schwierig, angemessen auf das Verhalten von Mitarbeitern zu reagieren, wenn sie zum Beispiel aus Angst vor Sanktionen ihre Gefühle nicht offen äußern. Möglicherweise hat der Mitarbeiter Angst vor Bestrafung, Zurückweisung und inneren Schuldgefühlen.

Wenn ein Mitarbeiter aus Angst keine Gelegenheit findet, seinem Ärger Luft zu machen, kann das fatale Folgen haben: Chronische Anspannung, Kopfschmerzen, Herz-Kreislauf- Störungen oder eine Schwächung des Immunsystems können auftreten. Mittelfristig ist mit einem deutlichen Leistungsabfall zu rechnen.

KAUM BETRIEBLICHE ANGSTPRÄVENTION

2007-02-courage2Trotz der gesundheitlichen und ökonomischen Konsequenzen gibt es in Betrieben bis heute keine strukturierten und organisierten Vorsorgemaßnahmen. Angstbesessene Mitarbeiter erfahren so gut wie keine betriebliche Unterstützung, um sich aus dieser Denk- und Handlungsenge zu befreien. Die in die Bewältigung der Angstsymptome investierten Energien gehen 1:1 Mitarbeitern und Unternehmern verloren. Es ist daher nötig und sinnvoll, den Ursachen und Auswirkungen beruflich bedingter Angst nachzugehen und Möglichkeiten der Linderung und Vermeidung zu erarbeiten.

Durch die enge Verbindung zur psychotherapeutischen Arbeit bietet sich eine Definition an, die auch auf die Arbeitsumgebung passt: "Therapie ist eine Situation, in der zwei Menschen zusammenkommen, von denen einer weniger Angst hat als der andere."

Für das Gefühl der Angst am Arbeitsplatz bedeutet dies sicher, dass auch hier Menschen mit ganz unterschiedlichen Ängsten zusammentreffen, die sich gegenseitig verstärken und Unsicherheit fördern. Angst am Arbeitsplatz geht über alle hierarchischen Grenzen hinweg: vom Bandarbeiter bis zum Vorstandsvorsitzenden.

BERATUNGSANSÄTZE IN UNTERNEHMEN

In der psychologischen Beratungspraxis gibt es verschiedene Möglichkeiten, um die konstruktiven Kräfte der Angst zu fördern. Wichtig ist, dass der Klient nicht machtlos bleibt. In vielen Fällen berichten Betroffene von einem Gefühl der Ohnmacht. Sie fühlen sich in ihrer Entscheidungs- und Handlungsfreiheit eingeengt. Und genau diese Enge bewirkt ihre Angst.

Die Neurolinguistische Programmierung bietet hier gute Ansätze. Gemeinsam mit dem Klienten können unterstützende Maßnahmen erarbeitet werden, um sich aus dieser Situation zu befreien. Ich möchte dies an einem Alltagsbeispiel deutlich machen. Die größte Sorge der Arbeitnehmer gilt dem Verlust des Arbeitsplatzes. Die Angst davor, in eine existenzgefährdende Situation zu geraten, wirkt sehr intensiv auf das Verhalten im Beruf: Wegducken, nach dem Mund reden, nicht auffallen, keine eigene Meinung haben, sich anpassen etc.

Herr K. , 51 Jahre, arbeitet als Verkaufssachbearbeiter in einem Unternehmen mit 1.200 Mitarbeitern. Infolge einer kürzlich erfolgten Unternehmensfusion plant die Geschäftsleitung verschiedene Umstrukturierungsmaßnahmen. Für Herrn K. bedeutet das sicher, dass davon auch Arbeitsplätze betroffen sind. Da er sich selbst mit 51 Jahren bereits zum alten Eisen zählt, sieht er sich vom Jobverlust akut bedroht. Seine Gedanken kreisen um die Hypotheken, die Familie, den Statusverlust und verselbstständigen sich immer mehr in Richtung "worst case".

Ganz auffallend in unserem gemeinsamen Gespräch war seine Strategie der Verallgemeinerung, Tilgung und Verzerrung. Ich beobachte immer wieder, dass Arbeitnehmer in solchen Stresssituationen die Umwelt sehr angstverstärkend wahrnehmen. Sie suchen nach Bestätigung ihrer offenbar ausweglosen Situation. Manche scheinen aktiv daran zu arbeiten, unbedingt Recht haben zu wollen.

Meine Fragen an Herrn K. waren:
Wer genau sagt denn, dass Sie mit 51 Jahren bereits zu alt sind? Zu alt wofür?
Welche beruflichen Pläne haben Sie denn noch für die nächsten 16 Jahre?
Woher stammt Ihre Überzeugung, dass es immer "die Alten" sind, die zuerst gehen müssen? Wieso gelten Ihre Beobachtungen auch für dieses Unternehmen?
Welchen Ursprung hat Ihre Überzeugung, dass Vorstände zuerst ans eigene Geld denken? Ist das immer so?
Welche positiven, konstuktiven Maßnahmen hat die Geschäftsführung nach der Fusion bereits ergriffen?
Was wird Sie für die Geschäftsführung zu einem besonders wertvollen Mitarbeiter machen? In welchen Geschäftsfeldern dieses Unternehmens könnten Sie ebenfalls erfolgreich eingesetzt werden?
Weshalb setzen Sie Fusion mit Arbeitsplatzverlust gleich? Woher stammt diese Auffassung?
Welche anderen strukturverbessernden Maßnahmen könnte die Geschäftsleitung treffen? Was würde schlimmstenfalls passsieren, wenn Sie wirklich arbeitslos würden?

Herr K. musste sich durch diese Fragen sehr viel intensiver mit seiner eigenen Situation und der des Unternehmens auseinandersetzen. Er erlebte, dass es noch andere Möglichkeiten gab, mit den neuen Rahmenbedingungen umzugehen. Im Gegensatz zu vielen anderen Kollegen erlangte er seinen Optimismus zurück und zeigte bei verschiedenen Maßnahmen hohen persönlichen Einsatz. Seine Angst wich der Überzeugung, dass es auf jeden Fall eine erträgliche Lösung geben wird, wie auch immer die Personalplanung ausfällt.

Herr K. arbeitet noch heute im Unternehmen. Die Fusion liegt inzwischen vier Jahre zurück.




Horst Lempart
Jahrgang 1968.
Nach Ausbildung zum Industriekaufmann Studium zum Betriebswirt VWA.
Zwölfjährige Tätigkeit als Kundendienstleiter in der Werbe- und Verpackungsbranche.
Ausbildung zum Personal Coach/ psychologischen Berater mit Diplom. Mitglied im VFP und im Qualitätsring Coaching. Intensive Berufserfahrung in den Bereichen Konfliktlösung, Teamorganisation, Verkaufs- und Außendienstbetreuung.

Spectrum Coaching
Mainzer Straße 35, 65078 Koblenz
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