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Paartherapie bei Borderline-Persönlichkeiten

 

2010-03-Paartherapie1

Wenn die Beziehung zwischen zwei Menschen geprägt ist durch Liebe und tiefe emotionale Verbundenheit bezeichnet man diese Beziehung als Partnerschaft. Der Partner gibt emotionale Nähe, die sich durch Ruhe, Wärme, Geborgenheit und Stabilität auszeichnet.

Borderline-Persönlichkeiten leben selten in stabilen Partnerschaften. Die Persönlichkeitsorganisation von Borderlinern verträgt sich oft schwer mit längerfristigen Bindungen. Dazu zählen die Eigenschaften heftige Gefühle, Impulsivität und Unberechenbarkeit, die sich durch abrupte Wechsel in der Stimmung äußern als bekannte Auslösefaktoren. Die durchschnittliche Beziehung von Borderline-Persönlichkeiten dauert daher oft nur 12 bis 16 Monate.

Der Verlauf von Partnerschaften mit Borderlinern ist immer ähnlich. Die Anfangsphase wird sehr intensiv erlebt und von gegenseitiger Idealisierung dominiert. Sobald der Alltag beginnt scheitert die Beziehung. Es gibt Probleme beim Abstimmen gemeinsamer Aktivitäten, bei der Rücksichtnahme auf individuelle Verpflichtungen und Wünsche. Die Partner sehen sich nun mit anderen Augen und erkennen, dass sie nicht harmonieren. Diese Enttäuschung verursacht oft eine schwere Krise, die Beziehung kippt von sehr gut zu sehr schlecht und es kommt zum Bruch mit dem entwerteten Partner. Ein Beispiel zur Veranschaulichung:

Herr und Frau Musterpatient (M.) gehen nach 7 Monaten Ehe in die Paartherapie. Er ist 35 Jahre alt, sie 29, beide sind beruflich erfolgreich und haben ein sehr attraktives Äußeres. Die beiden haben sich knapp zwei Jahre zuvor kennen gelernt und sofort sehr ineinander verliebt. Jeder dachte seinen absoluten Traumpartner gefunden zu haben. Nach weniger als einem Jahr hatten sie geheiratet. Frau M. wurde gleich darauf schwanger. Sie kündigte ihren Beruf und zog in die Heimatstadt ihres Mannes.

Diese Anfangsphase ist typisch für Borderline- Beziehung, die Partner stürzen sich voller Begeisterung in die Beziehung und idealisieren sich. Dadurch überfordern sie sich emotional sowie physisch. Sie sind von inneren Phantasien besessen, ohne darüber nachzudenken, ob diese realisierbar sind oder nicht.

Frau M. fühlt sich stark erschöpft und mit Kind und Haushalt überlastet. Sie trinkt daher zunehmend unkontrolliert. Von ihrem Mann fühlt sie sich allein gelassen. Herr M. ist enttäuscht, da seine ehemals fröhliche und belastbare Frau nun müde und unzufrieden ist. Außerdem fährt sie ihn oft scheinbar aus heiterem Himmel wütend an, was Herr M. als bedrohlich und verächtlich empfindet. Er schläft nicht mehr mit seiner Frau und isst selten zu Hause, wenn er es doch tut, dann meidet er alles, was mit seiner Frau zu tun hat. Beide sind am Ende ihrer Belastbarkeit und geben eine starke Angst vor der Trennung an.

fotolia©Robert KneschkeAuch dieser Verlauf ist typisch bei Borderline- Persönlichkeiten. In der Anfangsphase existieren Phantasien vom guten Objekt, diese steuern die Wahrnehmungsselektion und -interpretation. Nach dieser Phase dominieren Vernichtungsphantasien das Erleben beider Partner. Das zentrale Problem bei Beziehungen von Borderline-Persönlichkeiten ist der Widerspruch zwischen der intensiven Sehnsucht nach einem guten Objekt und der Angst vor Enttäuschung und Wut. Die Symptome der Borderline- Persönlichkeiten wirken sich vor allem negativ auf den Austausch miteinander aus. Dieser ist in wesentlichen Aspekten reduziert, beispielsweise findet keine Sexualität statt, es gibt Heimlichkeiten wie Außenbeziehungen und Zweifel an einer gemeinsamen Zukunft oft gepaart mit extrem viel Arbeit. In der Therapie berichten viele von der Angst, vom Partner auf existenzieller Ebene bestimmt, manipuliert, beeinflusst oder unterdrückt zu werden.

Die intensive symbiotische Beziehung zum Partner ist Resultat der Abhängigkeit zu den emotional instabilen Eltern in der Kindheit der Borderline-Persönlichkeiten. Befindet sich der Borderliner in einer Partnerschaft führt er seine alte Rolle weiter. Beziehungsschemata, die sich in der Kindheit gefestigt haben, wirken reflexhaft in allen emotional belastenden Situationen. Durch die Kindheit festigt sich bei den Patienten eine Schreckhaftigkeit und Verletzlichkeit. Bei Bedrohung der Beziehung schlagen sie in existenzielle Angst um. Diese wird später dann auf den Partner übertragen. Für die Paartherapie von Borderline-Patienten ist es wichtig, dass man einen systematischen Ansatz hat. Dieser sollte die Betrachtung der Ebene des Individuums, der Paarbeziehung, der Familie und des Arbeitskontextes ermöglichen.

Das zentrale Problem in der Partnerschaft ist der Umgang mit den unkontrollierten Affekten, sowohl auf der Seite des Patienten als auch auf der des Therapeuten. Die Affekte des Patienten können in belastenden Situationen eskalieren, dadurch werden primitive Abwehrmechanismen ausgelöst und das psychische Funktionsniveau reduziert. In diesem Zustand ist der Patient nur schwer ansprechbar. Ebenfalls besteht die Gefahr, dass der Therapeut durch Agieren, Übertragung und Identifizierung selbst in heftige Affekte verwickelt wird. Um Affektüberflutungen zu vermeiden, sollte der Therapeut bestimmte Eigenschaften besitzen: Er muss Schutz durch eine qualitative therapeutische Beziehung gewähren. Dieser beinhaltet Verständnis für die Gefühle und Wünsche jedes der Partner. Auf diese Art signalisiert der Therapeut allparteiliches Interesse. Er sollte in der Lage sein, Missverständnisse aufzudecken und bestehende Projektionen abzubauen, dabei muss er jedoch darauf achten die Toleranzgrenzen beider Partner zu wahren. Das Ziel des Therapeuten ist es, eine ausgewogene, klare und konstruktive Verständigung herzustellen. Dies wirkt auf beide Partner beruhigend.

Der Therapeut sollte nach folgendem Prinzip behandeln: so viel Ich-schützende Abwehr- Unterstützung wie nötig, so viel realitätsadäquate Bewältigungs-Förderung wie möglich.

Vorraussetzung dafür ist, dass sich beide Partner auf einem arbeitsfähigen Funktionsniveau befinden, damit Regeln der Herstellung von Nähe und Distanz, der Umgang mit positiver und negativer Emotionalität und Selbstdurchsetzung ausprobiert werden können. Um dieses Arbeitsniveau aufrechtzuerhalten, sollte der Therapeut Schutz durch seine Art der Gesprächsführung, Anerkennung, Ressourcenherausarbeitung und Eingrenzung pathologischer Muster bieten.

In fast jeder Therapie kommt es zu einem Punkt, an dem die Partner völlig verzweifelt sind, überlegen die Therapie abzubrechen und sich der Therapeut ratlos fühlt. Dieses Ereignis deutet darauf hin, dass der Therapeut in die projektiven Identifikationen mit einbezogen wurde und die schützende Arbeitsbasis zusammengebrochen ist. Der Grund dafür ist oft, dass sich der Therapeut mit einem der Partner, meist dem gefühlt schwächeren, unterschwellig identifiziert und dadurch die Distanz zur Gesamtszene nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Diese kann jedoch wiedergewonnen werden indem ein offener Zugang zum Verhalten des Borderline-Partners durch den Therapeuten angeregt wird.

Des Weiteren ist in der Therapie von Borderline- Paaren konkrete Hilfe zur Bewältigung bestehender Beziehungsprobleme notwendig. Die Partner müssen verstehen, wieso Eskalationen entstehen und wie sie schon während des Beginnens einer solchen aussteigen und anders miteinander umgehen können. Auf diese Weise gelingt es ihnen den Grund für anfallende Schwierigkeiten zur Hälfte in der eigenen Person und zur Hälfte in der des Partners zu finden. Um dies in der Praxis umzusetzen, helfen vor allem Rituale, die Lösungswege in metaphorisch verschlüsselter Form angeben. Beispielsweise könnte ein Paar, das lange Zeit keine Berührungen ausgetauscht hat, sich aber wieder danach sehnt, sich jeden Abend eine Viertelstunde nebeneinander auf die Couch setzen und sich schweigend aneinanderzulehnen. Ist diese Zeit um, können sie sich wieder entfernen und den restlichen Abend nach ihren Wünschen verbringen.

Ein anderes Beispiel ist ein Paar, welches jeden Streit ausufern lässt. Die Partner sollten sich abends ruhig hinsetzen und jeder bekommt abwechselnd 10 Minuten Zeit, um wichtige Dinge des Tages mitzuteilen, während der andere schweigt. So bekommt jeder Partner die Chance, sich mitzuteilen und gehört zu werden.

Mithilfe dieser Verhaltensverschreibungen werden etablierte Abwehrstrukturen irritiert und außer Kraft gesetzt, sodass Raum für neues Verhalten entsteht. Um die passenden Aufgaben für jeden Fall zu konstruieren, ist ein konkretes Verständnis des Problems notwendig.

Die Verletzlichkeiten werden in den Therapien mit Borderlinern besonders deutlich. Um eine gemeinsame Arbeit zu ermöglichen, muss der Therapeut ausreichend Schutz und Sicherheit bieten. Dies ist durch Ruhe und Geduld bei der Regelung von Nähe- und Distanzwünschen sowie einen angemessenen Umgang mit positiven und negativen Emotionen zu erreichen. Ziel ist es, eine zufriedenstellende Balance zwischen Selbstdurchsetzung und Anpassung herzustellen.

Fazit: Zwischenmenschliche Beziehungen von Borderline-Persönlichkeiten sind meist höchst instabil, sie werden oft auch als stabil-instabil bezeichnet, was mit dem gestörten Selbstbild des Borderline-Partners zusammenhängt. Auch bei intensiven emotionalen Bindungen findet in der Anfangsphase eine Idealisierung des Partners statt, worauf eine Abwertung folgt. Dabei schwanken die Borderliner zwischen Vorwürfen und Klammerverhalten. Durch die vielfältigen Symptome der Borderline- Persönlichkeitsstörung sollten Probleme in der Beziehung mit einem Therapeuten besprochen werden. Dieser kann dann in einer längerfristigen Therapie Lösungswege finden, um die Beziehung zu verbessern. Aber auch Borderliner, die sich nicht in Therapie befinden, haben Wege entwickelt, um mit ihrer Krankheit umzugehen. Sie halten beispielsweise ihren Partner emotional auf Distanz, sodass sie nicht von ihm verletzt werden können.

Durch professionelle Hilfe sind auch Borderline-Persönlichkeiten dazu in der Lage, eine glückliche, erfüllende und dauerhafte Beziehung zu führen.

Andy Weinert Andy Weinert
Mit dem Studium der Humanmedizin an der Charité Berlin und dem Diplom der praktischen Psychologie in Darmstadt ist der Gesprächstherapeut und Heilpraktiker für Psychotherapie seit mehreren Jahren als Dozent tätig.
Andy Weinert, c/o sanitas mentis
Straßburger Straße 57, 10405 Berlin
www.sanitas-mentis.de