| Unbewusstes sichtbar machen |
Die Wirkung der Kunsttherapie bei der Arbeit mit Kindern
Nach meinem Kunststudium und während meiner Arbeit als Künstlerin habe ich an verschiedenen Bildungseinrichtungen kreatives Gestalten unterrichtet und Erfahrungen insbesondere mit Kindern sammeln können. Während des Unterrichts habe ich mich oft gefragt, warum Kinder in manchen Situationen oder bei gewissen Aufgabenstellungen bestimmte Farben oder Formen auswählen. Meine Absicht war es, hierüber mehr zu erfahren, um den Malunterricht noch bewusster gestalten zu können.So beschloss ich eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin zu beginnen. Im Rahmen von Praktika, die die Ausbildung begleiteten, habe ich interessante Beobachtungen u. a. in einem heilpädagogischen Kindergarten machen können.
In diesem heilpädagogischen Kindergarten wurden entwicklungsverzögerte, geistig und mehrfach behinderte Kinder bis zum Schulalter begleitet, um die Entwicklung ihrer Gesamtpersönlichkeit zu fördern. Die Bildung und Erziehung richtete sich auf folgende Lernbereiche: Sensorik, Motorik, Kognition und Sprache, Selbstversorgung, soziale Beziehung, Natur, Umwelt, musisch-kreative Tätigkeiten sowie Spielen. Die weitere Förderung war auf die Eigenaktivität des Kindes gerichtet, z. B. das therapeutische Reiten oder die Wassergewöhnung. Die Gruppengröße betrug in der Regel 6 Kinder. Jede Gruppe wurde von zwei Fachkräften und weiteren begleitenden Diensten, wie Ergotherapeuten, Gymnastiklehrer, Musiktherapeuten, Psychologen, Krankengymnasten und Sprachtherapeuten, betreut und gefördert. In der von mir betreuten Gruppe waren 7 Jungen im Vorschulalter. Sie sollten nach dem Sommer die Schule besuchen. Dafür benötigte jedes Kind von der Schulbehörde ein Gutachten, aus dem hervorgehen sollte, welche Schulform für das jeweilige Kind geeignet schien. Die meisten Kinder erhielten dabei eine Empfehlung für die Sprach- oder Sonderschule.Die Kinder meiner Gruppe waren leicht körperlich behindert oder hatten größere Sehschwierigkeiten, waren hyperaktiv bzw. phlegmatisch oder schwer erziehbar. Aufgabe der Erzieherinnen war es, den Kindern neue Impulse zu geben und sie zu Aktivitäten zu motivieren. Hierzu war viel Geduld und Ruhe erforderlich, da die Kinder nur sehr schwer zu etwas zu bewegen waren. Auch fehlte es ihnen an Dauerhaftigkeit und Konzentrationsfähigkeit. Am Anfang arbeitete ich mit allen Kindern gemeinsam in einer Lerngruppe. Sie sollten malen, basteln oder mit Ton modellieren. Hier zeigten sich bei einigen Kindern Schwierigkeiten in der Feinmotorik. Es fiel ihnen z. B. schwer, mit der Schere zu arbeiten, Farbe und Kleber zu dosieren oder mit bzw. ohne Themenvorgabe leichte Figuren zu malen. Wiederholt stellte ich fest, dass nur eine Einzelbetreuung den gewünschten Erfolg bringen konnte. Durch die Ermutigung und Sicherheit des einzelnen Kindes sollte die „Ich-Stärkung" bewirkt werden und das Unbewusstsein sichtbar gemacht werden. Ein Beispiel für die Einzel-Kunsttherapie war die Arbeit mit M., ein 7 Jahre alter Junge. Seine Eltern waren beide berufstätig. Seine 12-jährige Schwester war normal entwickelt. Bei M. handelte es sich um ein entwicklungsverzögertes Kind, das durch eine angeborene Blindheit des linken Auges sehr gehandikapt war, da insbesondere dreidimensionales Sehen bei dieser Augenkrankheit nicht möglich ist. Aufgrund der Sehbehinderung bestand eine Schiefhalsstellung mit einer Wirbelsäulenskoliose. Weiterhin war eine Entwicklungsstörung im fein- und grobmotorischen Bereich festzustellen sowie eine allgemeine Sprachentwicklungsverzögerung.
Zu Beginn der Therapie machte ich mit ihm Kohlezeichnungen. Er sollte mit Kohle einen DIN-A3-Papierbogen ganzflächig schwarz bemalen und danach an einigen Stellen mit einem Gummi wieder helle Flächen hervorheben. M. hatte viel Spaß mit dem neuem Material, aber leider ließ seine Konzentration schnell nach. M. benötigte viel Lob, um zum Malen motiviert zu werden. Für den Erzieher bedeutete dies, viel Geduld mitzubringen. Ein andermal bot ich M. Pastellfarben an. Anfangs durfte er nur eine Farbe aussuchen. Bei jeder weiteren Malstunde kam dann eine weitere Farbe dazu. Auch hier zeigte er Konzentrationsschwächen und seine Ausdauer hielt nicht lange an. Dennoch war er mit viel Freude dabei. Erstaunlicherweise wollte er mit der Arbeit an seinem letzten Pastellbild nicht mehr aufhören. Zeigte hierbei also eine positive Entwicklung.Beim nächsten Treffen gab ich ihm eine Kreisform-Bildvorlage, in die er mit Kreide eine Spirale zeichnen sollte. Offensichtlich war M. hiermit überfordert und ließ sich auf keine weitere Aufgabe dieser Art mehr ein. Auch Arbeiten mit Ton bereiteten dem Kind ähnliche Schwierigkeiten. Generell tat er sich mit der Darstellung von Formen sehr schwer. Meine Beobachtung war, dass M. den Schritt von der inneren Vorstellung hin zur Sichtbarmachung nur mit sehr viel Mühe vollziehen konnte. Diese Unsicherheit ließe sich zumindest teilweise überwinden durch weitere Bewusstmachung von inneren Bildern. Genau hier kann die Kunsttherapie mit gestalterischen Methoden einen nachhaltigen Erfolg erzielen.
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Nach meinem Kunststudium und während meiner Arbeit als Künstlerin habe ich an verschiedenen Bildungseinrichtungen kreatives Gestalten unterrichtet und Erfahrungen insbesondere mit Kindern sammeln können. Während des Unterrichts habe ich mich oft gefragt, warum Kinder in manchen Situationen oder bei gewissen Aufgabenstellungen bestimmte Farben oder Formen auswählen. Meine Absicht war es, hierüber mehr zu erfahren, um den Malunterricht noch bewusster gestalten zu können.
In der von mir betreuten Gruppe waren 7 Jungen im Vorschulalter. Sie sollten nach dem Sommer die Schule besuchen. Dafür benötigte jedes Kind von der Schulbehörde ein Gutachten, aus dem hervorgehen sollte, welche Schulform für das jeweilige Kind geeignet schien. Die meisten Kinder erhielten dabei eine Empfehlung für die Sprach- oder Sonderschule.
Zu Beginn der Therapie machte ich mit ihm Kohlezeichnungen. Er sollte mit Kohle einen DIN-A3-Papierbogen ganzflächig schwarz bemalen und danach an einigen Stellen mit einem Gummi wieder helle Flächen hervorheben. M. hatte viel Spaß mit dem neuem Material, aber leider ließ seine Konzentration schnell nach. M. benötigte viel Lob, um zum Malen motiviert zu werden. Für den Erzieher bedeutete dies, viel Geduld mitzubringen. Ein andermal bot ich M. Pastellfarben an. Anfangs durfte er nur eine Farbe aussuchen. Bei jeder weiteren Malstunde kam dann eine weitere Farbe dazu. Auch hier zeigte er Konzentrationsschwächen und seine Ausdauer hielt nicht lange an. Dennoch war er mit viel Freude dabei. Erstaunlicherweise wollte er mit der Arbeit an seinem letzten Pastellbild nicht mehr aufhören. Zeigte hierbei also eine positive Entwicklung.
Mein kunsttherapeutisches Konzept war, den Kindern schrittweise z. B. durch zunehmenden Einsatz von Farben und sich steigernde Anforderungen neue Wege aufzuzeigen und ihnen die Angst vor dem Malen zu nehmen. Dadurch sollte die Stärkung ihres Bewusstseins für sich selbst und ihre Umwelt gefördert werden. Bedauernswert ist, dass immer noch an zahlreichen öffentlichen Einrichtungen zu wenig Kenntnisse über kunsttherapeutisches Arbeiten vorhanden sind und somit auch die verdiente Wertschätzung ausbleibt. Leider bestätigt dies den traurigen Trend, dass Kunst im Allgemeinen in der Gesellschaft, im Kindergarten oder in der Schule zunehmend an Einfluss und Bedeutung verliert.